Letzte Bearbeitung am 24-Jun-10 um 13:43 Uhr ()
Edit sez: Der Titel war noch falsch, pardonSo, jetzt muss ich mich also nach dem Spiel zwangsläufig mit den Deutschen auseinandersetzen. Gar nicht so leicht, denn wenn ich mir mal so die mediale Gemengelage anschaue, dann scheint jeder Aspekt vor und nach dem "Schicksalsspiel" schon ausführlichst und bis in den hinteren Winkel beleuchtet. Zwischen "Öööözil ist das schön" und "Nicht schön, aber gewonnen" habe ich Schlagzeilen aller Coleur gefunden und die entsprechenden Texte dazu gelesen. Das erste, was ich dabei festgestellt habe: Man kann an jeder einzelnen Headline feststellen, wessen Geistes Kind die jeweils titelnde Zeitung ist. Das zweite, das mir auffällt, ist der Umstand, dass nicht ein einziger Text von mir zu 100% unterschrieben werden könnte. Das liegt wiederum daran, dass zwar in der Summe aller Dinge wirklich alles gesagt ist, aber nicht ein einziger Autor es schafft, zwei Schritte zurückzutreten und das große Ganze zu erfassen. Ich will an dieser Stelle beileibe nicht den Anspruch erheben, dass es mir gelingen könnte, ich will jedoch versuchen, den gestrigen Abend mehr als nur auf ein paar verunsicherte Pässe und einen Özil-Gewaltschuss zu reduzieren.
Bei mir beginnt die Betrachtung des gestrigen Abends mit der Person Dr. Theo Zwanziger. Eigentlich schon seit der Sache Jens Weinreich für mich eine persona non grata, doch was er sich dieser Turniertage wieder erlaubt, und dabei den harmlosen Grüßaugust wie weiland ein gewisser Horst Köhler mimt, ist ein verdammt starkes Stück. Es geht dabei um das Führungspersonal des DFB, hier in Form des Bundestrainers der A-Nationalmannschaft. Wir erinnern uns - vor gar nicht allzu langer Zeit sind die Vertragsverhandlungen mit Joachim Löw gescheitert, weil Zwanziger aller Welt von einer bereits per Handschlag besiegelten Verlängerung berichtete, und Löw hiervon nichts wissen wollte. Ohne diese Schmierenkomödie jetzt nochmal ans Licht zerren zu wollen - der Status Quo war: "wir reden nach der WM".
Jetzt gewinnt die Nationalmannschaft 4:0 gegen Australien, und Dr. Theo Zwanziger hat nichts besseres zu tun, als sich wie ein unterwürfiger Hund Löw anzudienen, und ihm unverfroren den Hof zu machen, wie ein 18jähriger Erstverliebter seiner Herzdame. Nach der 0:1-Niederlage gegen Serbien schlägt das Ganze irgendwie wieder um. Angesichts des drohenden und damit einmaligen Vorrundenaus, ist Zwanziger plötzlich fest davon überzeugt, dass bei einem möglichen (weil logischen) Abdanken Löws in einem solchen Falle ein gewisser Matthias Sammer parat stünde, um zu übernehmen. Man muss zwar schon ein wenig tiefer in der deutschen Fussballmaterie stecken, um zu verstehen, welch diabolischen Charakter diese Wendung in ihrer Tiefe hat. Aber auch ohne diese Kenntnisse dürfte einem klar werden, dass man nicht heute "ich liebe dich, heirate mich" sagt, um drei Atemzüge später nach einem Verhandlungsrückschlag festzustellen "aber wenn du nicht willst, dann nehm ich den da".
In gewisser Weise war sei Amtsvorgänger Meyer-Vorfelder, aka Whisky-Cola, da weniger gefährlich, weil von vornherein polarisiernder und damit unter deutlicherer Beobachtung stehend, als das scheinbar harmlose Guter-Opa-Gesicht aus Altendiez. Gefährlich für den deutschen Fussball, also das, was auf dem grünen Geviert angeboten wird, waren und sind die beiden auf jeden Fall. Denn wer wie etwa Zwanziger es schafft, einen durchaus erfolgreichen Trainer mit eigenem Fussballverständnis abseits des Platzes so zu beschädigen, und das ganze auch noch als gewollte Strategie des DFB verkauft (wir signalisieren damit, dass wir auf ein mögliches Abtreten des Trainers besser reagieren können als beim Abschied Rudi Völlers 2004), der zeigt vorallem den jungen Spielern in unserer Mannschaft eines: Dein Trainer ist austauschbar, und damit bist auch DU austauschbar. Do or die - die elitären Großkopferten werden am Ende richten".
Für den anderen Teil dieser emotionalen Achterbahnfahrt zeichnen Leute, wie ein Eventmanager, pardon, Teammanager Oliver Bierhoff verantwortlich. Keine Frage, er hat das "Produkt Nationalmannschaft" hervorragend in der Öffentlichkeitswahrnehmung platziert. Man kommt gar nicht vorbei, an den Schweinis und Özils und Neuers und wie auch immer, man schafft es als unbedarfter Fan gar nicht, sich nicht schwarz-rot-geil zu fühlen und alle zwei Jahre zum Autokorsaren zu werden. Nur passt dieses durchgehypte "wir haben 11 Nationalstars" nicht zur fussballerischen Wirklichkeit eines jungen Teams unter 25 Jahre im Durchschnitt. Klar, der Unterbau stimmt fröhlich, sind doch alle wichtigen U-Mannschaften des DFB Europaweltundwasweissichnichtmeister. Die Talente sind also da, aber das alleine macht noch keine homogene Nationalelf. Das der Öffentlichkeit präsentierte Bild der jungen, gut gestylten Leute mit ein paar coolen Moves vor der Kamera impliziert eben nicht automatisch, dass "die anderen" deshalb das Fussballspielen einzustellen haben.
Ich möchte mir gar nicht ausmalen, zu welcher Implosion es gestern gekommen wäre, wenn das Spiel verloren gegangen wäre. Der Sieg war ein glücklicher, und wer zum Beispiel einem Mesut Özil nach dem Abpfiff ins Gesicht geschaut hat, kann nicht kurz darauf: So sehen Sieger aus, schalalala" intonieren. Nein, so sehen junge Menschen aus, denen gottseidank etwas geglückt ist, das viel riesiger als das eigentliche Fussballspiel gewesen ist. Weil der Ballon weiterhin von allen Seiten und mit allen Luftpumpen gleichzeitig immer weiter und weiter aufgeblasen wird.
Und der geneigte und schon vor 2006 an der Nationalmannschaft interessierte Fan wird sich fragen: Herrje, und wer spricht noch über Fussball als solches? Den gab es nämlich gestern auch, und es gab mehr als den Gewaltschuss ins Glück nach vorherigen und nachträglichen schweren Beinen. Wer es schafft, die angesprochenen zwei Schritte zurück zu machen, der kann feststellen:
Die Abwehrseite auf der Philip Lahm nicht spielt, ist die anfällige. Ohne einen Bastian Schweinsteiger, der mit seiner natürlichen Ballgravitation ein Ruhepol in der Mannschaft ist, ist Deutschland fast schon ausgeschaltet. Ein Mesut Özil ist auf dem Weg ein ganz Großer zu werden, erkennbar daran, dass ihm zwar noch die nötige Konstanz fehlt, er aber wie andere Große vor ihm auch mal 85 Minuten nicht stattfinden kann, und dennoch zum Matchwinner wird. Ein Claudemir Jeronimo Barreto ist als Einwechselspieler besser als von Beginn an. Einem Manuel Neuer fehlt Ruhe und Souveränität, und doch ist er einer der besten mitspielenden Torhüter dieser Welt. Und so weiter. Wenn man all das jetzt hier Geschriebene zusammenfasst, muss man zwangsläufig zu dem Schluss kommen: Die WM 2010 ist ein Großturnier zu früh für diese Konstellation. Das ist aber weder schlimm noch frustrierend, weil es deutliche Perspektiven für 2012 und 2014 gibt. Vorausgesetzt, aus dem überblähten DFB-Ballon wird endlich mal wieder Luft abgelassen, und Platz für Entwicklung und Kontinuität geschaffen.
Für die Kurzfristperspektive bedeutet das: Das englische Team ist am Sonntag schlagbar. Die wohl danach unvermeidbaren Argentinier indes sind deutlich weiter, und werden sich aller Voraussicht nach als (noch) zu große Hürde darstellen. Aber ich lag ja klassischerweise schon ein paar Mal falsch bei der Deutung der nahen Zukunft. Insofern lasse ich mich einfach mal überraschen...