Dracula Erlebnispark
Schloss Schenkendorf
Nach der Wende Blut geleckt
Graf Dracula lockt einsame Seelen mit "Blutspendeparties" in seine Residenz
Stefan Jacobs
Gerade hat die Blondine noch über den Sensenmann im Flur gelacht. Jetzt erschrickt sie fürchterlich, als eine Hand von hinten schwer auf ihre Schulter sinkt. Die Hand gehört Ottomar Rodolphe Vlad Dracula Prinz Kretzulesco. Plötzlich war der Schlossherr mit seiner Gruppe aufgetaucht, die er an Gevatter Tod vorbei ins Herz seiner Residenz führt: in den Festsaal, von dem man über die Terrasse in den Park schauen kann. Oben läuft eine Galerie mit Rundbögen um, von der Decke blättert Farbe. Die zwölfköpfige Gästeschar tappt andächtig über die schweren Teppiche - wie durch eine Kirche. Dabei wirkt der Saal eher wie das Wohnzimmer von sehr alten, einst steinreichen Leuten: verschnörkelte Stühle, rotes Samtsofa, ein Flügel. "Hat Dracula das alles geklaut?", ruft ein bezopftes Kind zur Mutter hinauf. "Ich klaue nur kleine Mädchen", schallt die Stimme des Grafen aus einer Ecke. Das Kind ergreift die Hand der Mutter.
An den Wänden hängen dicht an dicht Bilder in aufwändig verzierten Rahmen, in flachen Vitrinen wird Schmuck angeboten - Mitbringsel aus Draculas vorigem Leben, in dem er am Ku'damm mit Antiquitäten handelte. Hier in Schenkendorf kaufe nie jemand was, seufzt der Graf und bittet seine Besucher hinaus zum Sensenmann. Vor der Haustür stiefelt lärmend eine Wandergesellschaft vorbei. "Der Campingplatz ist da hinten!", ruft Dracula und weist über die bereifte Wiese, hinter dem alte Weiden einen Tümpel und eine Turmruine verbergen.
Vom Schloss sind es nur wenige Schritte zu den Särgen. Sie stehen im Stall, durch den eiskalter Wind weht. "Ganz schön klein" findet eine Besucherin die Kisten, als käme es bei Särgen auf Bewegungsfreiheit an. Dracula klappt einen Deckel hoch und lädt die Frau zum Probeliegen ein. Sie mag nicht.
Wieder draußen, zerstreut sich die Gruppe, während der Graf mit wehendem Mantel zum Restaurant eilt. Dort rotiert ein junger Koch, hinter dem sich mehrere Enten am Spieß drehen. Etwa die Hälfte der 27 mit grobem Sackleinen bedeckten Tische ist besetzt. Vor kurzem stand auch hier ein Sarg, den Dracula allerdings entfernen ließ, nachdem eine fast 85-Jährige Plätze für ihre Geburtstagsgesellschaft reserviert hatte. Der Sarg musste raus, denn Dracula lebt nicht vom Blut allein. Er braucht seine Gäste.
Am liebsten sind ihm solche wie die drei sorgsam gekleideten Rentner an Tisch eins, auf dem ein Schild mitteilt: "Hier wird gebissen!" Die drei kommen jeden Monat hierher: Ein Ehepaar aus Mariendorf mit einem Bekannten aus Buckow. "Hallo Brigittchen!", sagt Dracula. "Brigittchen" heißt sonst anders und ist auch erst 69, sieht aber Brigitte Mira recht ähnlich.
"Wenn ich im Lotto gewinne, würde ich das Geld hier reinstecken!", sagt Brigittchen, als der Graf kurz verschwindet. "Er ist so tüchtig und gut: Zu Ostern beschenkt er die Kinder, und mit den Blutspendepartys hilft er doch allen! Aber die Leute hier in der Gegend sind bösartig!", flüstert sie dann. Was sie damit meint, illustriert Dracula, indem er mit einem Schallpegelmesser in der Hand zurückkommt. Draculas Nachbar besitzt auch so ein Gerät, das leider anders geeicht ist und vor vier Jahren bei Open-Air-Konzerten im Schlosspark einen unzulässigen Lärm anzeigte. Als sich Dracula daraufhin mit dem Amt für Immissionsschutz konfrontiert sah, gab es böses Blut. Mehrere Konzerte wurden ihm verboten; jetzt muss er sich jedes einzeln genehmigen lassen.
Nicht nur deshalb kommt der Dracula-Erlebnispark nicht so voran wie geplant. Anstatt ihm einen Parkplatz zu genehmigen, habe das Ordnungsamt Strafzettel verteilt, wenn am Schloss Walpurgisnacht, Ritterfestspiele oder mit dem Deutschen Roten Kreuz gemeinsam organisierte Blutspendepartys veranstaltet wurden. Und hinter dem Tümpel mit den Bäumen, wo man unerkannt auf das Gut gelangt, hat es im vergangenen Jahr zehnmal gebrannt. Die Polizei hat mehrmals einen Verdächtigen festgenommen. Ein Motiv kenne er nicht, aber der Mann habe sich mit Morddrohungen und Tätlichkeiten für die U-Haft revanchiert, sagt Dracula. Er zeigt das Haus, in dem der Mann wohnt: "Der zahlt auch keine Miete mehr." Der Vermieter heißt Dracula.
Der Graf ist 60 Jahre alt und hat zwei erwachsene Töchter, die nicht Dracula heißen wollen. Auch das gehört zur Tragik des gelernten Konditors Ottomar Berbig aus Berlin-Lichterfelde, der mit 13 in einem Jugendhof landete, dann Krämerläden zu Nachtbars umbaute, in den 60-er Jahren eine Corvette fuhr und eine Uhr für achtzigtausend Mark trug, bevor ihn sein betrügerischer Steuerberater ruiniert habe, wie er sagt. Wohnungsentrümpelungen machten ihn später zum Antiquitätenhändler, in dessen Laden Anfang der 70-er Jahre eine Kundin kam und feststellte: "Sie sehen ja aus wie ein Rumäne!" Die Kundin machte Berbig mit der letzten lebenden Erbin der Dracula-Dynastie bekannt, die ihn 1987 in Bukarest adoptierte, um den Namen zu bewahren.
Nach der Wende leckte der nunmehr Blaublütige Blut und zog aus, ein Schloss zu suchen. Er kaufte das verfallene 42-Zimmer-Gebäude in Schenkendorf mitsamt dem 16 Hektar großen Gut und begann, einen Touristenmagneten zu entwickeln, der zu seinem Namen passen sollte. Das Werk ist zum Aderlass geworden - finanziell und moralisch. Draculas Lebensgefährtin, die bis eben Gläser gespült hat, setzt sich zu ihm an den Stammtisch. Sie ist 42 und bekommt langsam graue Haare. Er wünscht sich ein Kind von ihr. Wegen des Namens. Und überhaupt. Sie seufzt: "Wie's geht, wissen wir. Aber ich stehe zeitig auf, mache die Ställe vom Streichelzoo sauber, dann die Gästeklos, hole Bierfässer, beschäftige mich mit den Schäferhunden, damit die nicht neurotisch werden. Zwischendurch muss ich das Schloss sauber machen oder helfe Ottomar beim Papierkrieg. Abends um sieben, wenn das Personal geht, übernehme ich das Restaurant, bis ich kurz vor eins ins Bett falle."
Dracula guckt traurig in die Kerze auf dem Tisch. Er hat an einem halben Tag nur dreimal gelacht. Seine Eckzähne sind stumpf.
Die nächste "Blutspendeparty" im Dracula-Schloss findet am 7. Juli statt. Das Anwesen in Schenkendorf ist von Berlin aus über die Autobahn 13 Richtung Dresden (Abfahrt Mittenwalde) zu erreichen. Der Eintritt beträgt fünf Mark. Das Restaurant ist täglich (außer montags) bis 22 Uhr geöffnet. Tel. 03375/901 286 (Fax.: -287).
Jens Uwe Kupka
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http://212.227.177.77/JUK/hp_banner.jpg
http://www.hansaparkfan.de
Nach der Wende Blut geleckt
Graf Dracula lockt einsame Seelen mit "Blutspendeparties" in seine Residenz
Stefan Jacobs
Gerade hat die Blondine noch über den Sensenmann im Flur gelacht. Jetzt erschrickt sie fürchterlich, als eine Hand von hinten schwer auf ihre Schulter sinkt. Die Hand gehört Ottomar Rodolphe Vlad Dracula Prinz Kretzulesco. Plötzlich war der Schlossherr mit seiner Gruppe aufgetaucht, die er an Gevatter Tod vorbei ins Herz seiner Residenz führt: in den Festsaal, von dem man über die Terrasse in den Park schauen kann. Oben läuft eine Galerie mit Rundbögen um, von der Decke blättert Farbe. Die zwölfköpfige Gästeschar tappt andächtig über die schweren Teppiche - wie durch eine Kirche. Dabei wirkt der Saal eher wie das Wohnzimmer von sehr alten, einst steinreichen Leuten: verschnörkelte Stühle, rotes Samtsofa, ein Flügel. "Hat Dracula das alles geklaut?", ruft ein bezopftes Kind zur Mutter hinauf. "Ich klaue nur kleine Mädchen", schallt die Stimme des Grafen aus einer Ecke. Das Kind ergreift die Hand der Mutter.
An den Wänden hängen dicht an dicht Bilder in aufwändig verzierten Rahmen, in flachen Vitrinen wird Schmuck angeboten - Mitbringsel aus Draculas vorigem Leben, in dem er am Ku'damm mit Antiquitäten handelte. Hier in Schenkendorf kaufe nie jemand was, seufzt der Graf und bittet seine Besucher hinaus zum Sensenmann. Vor der Haustür stiefelt lärmend eine Wandergesellschaft vorbei. "Der Campingplatz ist da hinten!", ruft Dracula und weist über die bereifte Wiese, hinter dem alte Weiden einen Tümpel und eine Turmruine verbergen.
Vom Schloss sind es nur wenige Schritte zu den Särgen. Sie stehen im Stall, durch den eiskalter Wind weht. "Ganz schön klein" findet eine Besucherin die Kisten, als käme es bei Särgen auf Bewegungsfreiheit an. Dracula klappt einen Deckel hoch und lädt die Frau zum Probeliegen ein. Sie mag nicht.
Wieder draußen, zerstreut sich die Gruppe, während der Graf mit wehendem Mantel zum Restaurant eilt. Dort rotiert ein junger Koch, hinter dem sich mehrere Enten am Spieß drehen. Etwa die Hälfte der 27 mit grobem Sackleinen bedeckten Tische ist besetzt. Vor kurzem stand auch hier ein Sarg, den Dracula allerdings entfernen ließ, nachdem eine fast 85-Jährige Plätze für ihre Geburtstagsgesellschaft reserviert hatte. Der Sarg musste raus, denn Dracula lebt nicht vom Blut allein. Er braucht seine Gäste.
Am liebsten sind ihm solche wie die drei sorgsam gekleideten Rentner an Tisch eins, auf dem ein Schild mitteilt: "Hier wird gebissen!" Die drei kommen jeden Monat hierher: Ein Ehepaar aus Mariendorf mit einem Bekannten aus Buckow. "Hallo Brigittchen!", sagt Dracula. "Brigittchen" heißt sonst anders und ist auch erst 69, sieht aber Brigitte Mira recht ähnlich.
"Wenn ich im Lotto gewinne, würde ich das Geld hier reinstecken!", sagt Brigittchen, als der Graf kurz verschwindet. "Er ist so tüchtig und gut: Zu Ostern beschenkt er die Kinder, und mit den Blutspendepartys hilft er doch allen! Aber die Leute hier in der Gegend sind bösartig!", flüstert sie dann. Was sie damit meint, illustriert Dracula, indem er mit einem Schallpegelmesser in der Hand zurückkommt. Draculas Nachbar besitzt auch so ein Gerät, das leider anders geeicht ist und vor vier Jahren bei Open-Air-Konzerten im Schlosspark einen unzulässigen Lärm anzeigte. Als sich Dracula daraufhin mit dem Amt für Immissionsschutz konfrontiert sah, gab es böses Blut. Mehrere Konzerte wurden ihm verboten; jetzt muss er sich jedes einzeln genehmigen lassen.
Nicht nur deshalb kommt der Dracula-Erlebnispark nicht so voran wie geplant. Anstatt ihm einen Parkplatz zu genehmigen, habe das Ordnungsamt Strafzettel verteilt, wenn am Schloss Walpurgisnacht, Ritterfestspiele oder mit dem Deutschen Roten Kreuz gemeinsam organisierte Blutspendepartys veranstaltet wurden. Und hinter dem Tümpel mit den Bäumen, wo man unerkannt auf das Gut gelangt, hat es im vergangenen Jahr zehnmal gebrannt. Die Polizei hat mehrmals einen Verdächtigen festgenommen. Ein Motiv kenne er nicht, aber der Mann habe sich mit Morddrohungen und Tätlichkeiten für die U-Haft revanchiert, sagt Dracula. Er zeigt das Haus, in dem der Mann wohnt: "Der zahlt auch keine Miete mehr." Der Vermieter heißt Dracula.
Der Graf ist 60 Jahre alt und hat zwei erwachsene Töchter, die nicht Dracula heißen wollen. Auch das gehört zur Tragik des gelernten Konditors Ottomar Berbig aus Berlin-Lichterfelde, der mit 13 in einem Jugendhof landete, dann Krämerläden zu Nachtbars umbaute, in den 60-er Jahren eine Corvette fuhr und eine Uhr für achtzigtausend Mark trug, bevor ihn sein betrügerischer Steuerberater ruiniert habe, wie er sagt. Wohnungsentrümpelungen machten ihn später zum Antiquitätenhändler, in dessen Laden Anfang der 70-er Jahre eine Kundin kam und feststellte: "Sie sehen ja aus wie ein Rumäne!" Die Kundin machte Berbig mit der letzten lebenden Erbin der Dracula-Dynastie bekannt, die ihn 1987 in Bukarest adoptierte, um den Namen zu bewahren.
Nach der Wende leckte der nunmehr Blaublütige Blut und zog aus, ein Schloss zu suchen. Er kaufte das verfallene 42-Zimmer-Gebäude in Schenkendorf mitsamt dem 16 Hektar großen Gut und begann, einen Touristenmagneten zu entwickeln, der zu seinem Namen passen sollte. Das Werk ist zum Aderlass geworden - finanziell und moralisch. Draculas Lebensgefährtin, die bis eben Gläser gespült hat, setzt sich zu ihm an den Stammtisch. Sie ist 42 und bekommt langsam graue Haare. Er wünscht sich ein Kind von ihr. Wegen des Namens. Und überhaupt. Sie seufzt: "Wie's geht, wissen wir. Aber ich stehe zeitig auf, mache die Ställe vom Streichelzoo sauber, dann die Gästeklos, hole Bierfässer, beschäftige mich mit den Schäferhunden, damit die nicht neurotisch werden. Zwischendurch muss ich das Schloss sauber machen oder helfe Ottomar beim Papierkrieg. Abends um sieben, wenn das Personal geht, übernehme ich das Restaurant, bis ich kurz vor eins ins Bett falle."
Dracula guckt traurig in die Kerze auf dem Tisch. Er hat an einem halben Tag nur dreimal gelacht. Seine Eckzähne sind stumpf.
Die nächste "Blutspendeparty" im Dracula-Schloss findet am 7. Juli statt. Das Anwesen in Schenkendorf ist von Berlin aus über die Autobahn 13 Richtung Dresden (Abfahrt Mittenwalde) zu erreichen. Der Eintritt beträgt fünf Mark. Das Restaurant ist täglich (außer montags) bis 22 Uhr geöffnet. Tel. 03375/901 286 (Fax.: -287).
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