Musicals weiterhin Pleitengeschäft ?!
Auf den falschen Zug gesprungen?
Jetzt erlebt auch Bremen seinen Musical-Flop
Von Eckhard Stengel (Bremen)
Viele Bremer ahnten es von vornherein: Das geht bestimmt nicht gut. Nur die regierende große Koalition glaubte es besser zu wissen. Sie wollte unbedingt dem Beispiel anderer Städte nacheifern und einem längst abgefahrenen Zug hinterherlaufen: Auch Bremen sollte zur Musical-Stadt werden. Massen von Touristen würden dann ihr Geld im hoch verschuldeten Stadtstaat lassen, hofften SPD und CDU. So ließen sie für rund 50 Millionen Mark eine leer stehende Markthalle zum Theater umbauen, und eine private Betreibergesellschaft durfte dort fortan "Jekyll & Hyde" aufführen.
Nach nur zwei Jahren Spielzeit ist das Musical jetzt zum Drama geworden. Obwohl das Stück zum "Musical des Jahres 1999" gekürt worden war und immerhin fast 600 000 Besucher angelockt hat, stehen die Betreiber vor der Pleite. Auch ein eilig gewährtes Acht-Millionen-Notdarlehen der Stadt konnte nichts mehr ausrichten: Das Geld versickerte irgendwo und ist für die Steuerzahler wahrscheinlich verloren.
Jetzt will ein neuer privater Financier einsteigen und ein kostengünstiges Tauschgeschäft mit den Vereinigten Bühnen Wien eingehen. Für das aufwendige "Jekyll & Hyde" fällt Ende Juni der Vorhang in Bremen. Danach wird das Stück an die Donau exportiert, während von dort der billiger inszenierte Musical-Klassiker "Hair" an die Weser wechselt.
"Hair"? Ausgerechnet ein rauf und runter gespielter Oldie soll Bremen jene Besucherscharen zutreiben, die nicht mal das hoch gelobte "Jekyll & Hyde" sehen wollten? Die Skepsis ist groß im Stadtstaat. "Das ist ein schlechter Tausch und eine Beleidigung für das Musical-Theater Bremen", zitierte der Weser-Kurier einen der Gründungsväter der "Jekyll & Hyde"-Produktion, Lutz Jarosch. Und der Kommentator des Lokalblatts empörte sich: "Wer um Himmels willen soll für ein derart abgenudeltes Stück von Vechta oder Rotenburg/Wümme nach Bremen kommen, geschweige denn aus Dortmund oder Nürnberg." Die Betreiber finden das Werk dagegen hoch aktuell: "Hair" werde neu gestylt, im Stil der Love Parade. Eigentlich schade: Die Originalfassung von 1967 hätte doch wunderbar zur Debatte um die Vergangenheit gewisser grüner Minister gepasst.
Als Bremer Musical-Retter und neuer Financier will der Anzeigenblattverleger, Konzertveranstalter und CDU-Wahlkampfsponsor Klaus-Peter Schulenberg in die neu zu formende Betreibergesellschaft einsteigen. Zum Dank für sein Rettungsangebot bekommt Schulenbergs Kartenverkaufsagentur CTS Eventim vom SPD-CDU-Senat wahrscheinlich die Anteilsmehrheit am bisher teilstädtischen "Ticket Service Center" zugeschanzt - zum Schnäppchenpreis. Ein anderer Kaufinteressent, der Schulenberg-Konkurrent "Start", hatte ein Mehrfaches geboten, allerdings ohne Musical-Rettungsangebot.
Oscar-verdächtig ist solche Art der Kultur- und Wirtschaftsförderungspolitik wohl nicht gerade. Das zeigt sich auch an anderen Punkten: Da holt die große Koalition zwei Multiplex-Kinopaläste in die Stadt und treibt damit sehenden Auges ein rundes Drittel der bestehenden Filmtheater in den Untergang. Und trotzdem sollen noch zwei weitere Großkinos folgen, eingebettet in zwei geplante Freizeit- und Einkaufszentren namens "Space Park" und "Haven Hööft". Deren Supermärkte wiederum dürften einige alteingessene Geschäfte in den Ruin treiben - es sei denn, die neuen Einkaufszentren leiden ähnlich wie das Musical unter Besuchermangel und bleiben der Nachwelt als milliardenteure Investitionsruinen erhalten.
Das nennt sich "Sanierungspolitik": Bremens große Koalition will mit solcher Investitionsförderung die Wirtschaft in Schwung bringen und damit letztlich den Landeshaushalt sanieren. Leisten kann sich die Hansestadt das nur, weil sie durch den Länderfinanzausgleich und durch Entschuldungshilfen des Bunds in Milliardenhöhe alimentiert wird. Während sich die Koalition bei ihren Finanzspritzen fürs Musical oder für die Einkaufs- und Freizeitparks freigebig zeigt, schwingt sie bei allen "konsumtiven" Ausgaben den Rotstift, also etwa bei der Jugendarbeit oder bei freien Theatergruppen. Dabei ahnen viele Bremer angesichts der zweifelhaften Investitionen schon längst: Das kann einfach nicht gut gehen.
Sogar die SPD setzt sich allmählich vom bisherigen Sanierungskurs ab. Fraktionschef Jens Böhrnsen will keine neuen Großprojekte mehr fördern und lieber "möglichst attraktive Rahmenbedingungen" für die Bürger schaffen - damit nicht noch mehr Bremer ins Umland ziehen. Und um neue Einwohner anzulocken, regt Böhrnsen die Gründung einer "Neubürgeragentur" an. Sie soll auswärtige Interessenten nicht nur über die Bremer Wohnungsmarktlage informieren, sondern ihnen auch das Unangenehmste des Umzugs abnehmen: Schlange stehen im Einwohnermeldeamt und bei der Kfz-Stelle.
Jens Uwe Kupka
http://www.henson.com/cards/images/everyday_06s.gif
http://212.227.177.77/JUK/hp_banner.jpg
http://www.hansaparkfan.de
Jetzt erlebt auch Bremen seinen Musical-Flop
Von Eckhard Stengel (Bremen)
Viele Bremer ahnten es von vornherein: Das geht bestimmt nicht gut. Nur die regierende große Koalition glaubte es besser zu wissen. Sie wollte unbedingt dem Beispiel anderer Städte nacheifern und einem längst abgefahrenen Zug hinterherlaufen: Auch Bremen sollte zur Musical-Stadt werden. Massen von Touristen würden dann ihr Geld im hoch verschuldeten Stadtstaat lassen, hofften SPD und CDU. So ließen sie für rund 50 Millionen Mark eine leer stehende Markthalle zum Theater umbauen, und eine private Betreibergesellschaft durfte dort fortan "Jekyll & Hyde" aufführen.
Nach nur zwei Jahren Spielzeit ist das Musical jetzt zum Drama geworden. Obwohl das Stück zum "Musical des Jahres 1999" gekürt worden war und immerhin fast 600 000 Besucher angelockt hat, stehen die Betreiber vor der Pleite. Auch ein eilig gewährtes Acht-Millionen-Notdarlehen der Stadt konnte nichts mehr ausrichten: Das Geld versickerte irgendwo und ist für die Steuerzahler wahrscheinlich verloren.
Jetzt will ein neuer privater Financier einsteigen und ein kostengünstiges Tauschgeschäft mit den Vereinigten Bühnen Wien eingehen. Für das aufwendige "Jekyll & Hyde" fällt Ende Juni der Vorhang in Bremen. Danach wird das Stück an die Donau exportiert, während von dort der billiger inszenierte Musical-Klassiker "Hair" an die Weser wechselt.
"Hair"? Ausgerechnet ein rauf und runter gespielter Oldie soll Bremen jene Besucherscharen zutreiben, die nicht mal das hoch gelobte "Jekyll & Hyde" sehen wollten? Die Skepsis ist groß im Stadtstaat. "Das ist ein schlechter Tausch und eine Beleidigung für das Musical-Theater Bremen", zitierte der Weser-Kurier einen der Gründungsväter der "Jekyll & Hyde"-Produktion, Lutz Jarosch. Und der Kommentator des Lokalblatts empörte sich: "Wer um Himmels willen soll für ein derart abgenudeltes Stück von Vechta oder Rotenburg/Wümme nach Bremen kommen, geschweige denn aus Dortmund oder Nürnberg." Die Betreiber finden das Werk dagegen hoch aktuell: "Hair" werde neu gestylt, im Stil der Love Parade. Eigentlich schade: Die Originalfassung von 1967 hätte doch wunderbar zur Debatte um die Vergangenheit gewisser grüner Minister gepasst.
Als Bremer Musical-Retter und neuer Financier will der Anzeigenblattverleger, Konzertveranstalter und CDU-Wahlkampfsponsor Klaus-Peter Schulenberg in die neu zu formende Betreibergesellschaft einsteigen. Zum Dank für sein Rettungsangebot bekommt Schulenbergs Kartenverkaufsagentur CTS Eventim vom SPD-CDU-Senat wahrscheinlich die Anteilsmehrheit am bisher teilstädtischen "Ticket Service Center" zugeschanzt - zum Schnäppchenpreis. Ein anderer Kaufinteressent, der Schulenberg-Konkurrent "Start", hatte ein Mehrfaches geboten, allerdings ohne Musical-Rettungsangebot.
Oscar-verdächtig ist solche Art der Kultur- und Wirtschaftsförderungspolitik wohl nicht gerade. Das zeigt sich auch an anderen Punkten: Da holt die große Koalition zwei Multiplex-Kinopaläste in die Stadt und treibt damit sehenden Auges ein rundes Drittel der bestehenden Filmtheater in den Untergang. Und trotzdem sollen noch zwei weitere Großkinos folgen, eingebettet in zwei geplante Freizeit- und Einkaufszentren namens "Space Park" und "Haven Hööft". Deren Supermärkte wiederum dürften einige alteingessene Geschäfte in den Ruin treiben - es sei denn, die neuen Einkaufszentren leiden ähnlich wie das Musical unter Besuchermangel und bleiben der Nachwelt als milliardenteure Investitionsruinen erhalten.
Das nennt sich "Sanierungspolitik": Bremens große Koalition will mit solcher Investitionsförderung die Wirtschaft in Schwung bringen und damit letztlich den Landeshaushalt sanieren. Leisten kann sich die Hansestadt das nur, weil sie durch den Länderfinanzausgleich und durch Entschuldungshilfen des Bunds in Milliardenhöhe alimentiert wird. Während sich die Koalition bei ihren Finanzspritzen fürs Musical oder für die Einkaufs- und Freizeitparks freigebig zeigt, schwingt sie bei allen "konsumtiven" Ausgaben den Rotstift, also etwa bei der Jugendarbeit oder bei freien Theatergruppen. Dabei ahnen viele Bremer angesichts der zweifelhaften Investitionen schon längst: Das kann einfach nicht gut gehen.
Sogar die SPD setzt sich allmählich vom bisherigen Sanierungskurs ab. Fraktionschef Jens Böhrnsen will keine neuen Großprojekte mehr fördern und lieber "möglichst attraktive Rahmenbedingungen" für die Bürger schaffen - damit nicht noch mehr Bremer ins Umland ziehen. Und um neue Einwohner anzulocken, regt Böhrnsen die Gründung einer "Neubürgeragentur" an. Sie soll auswärtige Interessenten nicht nur über die Bremer Wohnungsmarktlage informieren, sondern ihnen auch das Unangenehmste des Umzugs abnehmen: Schlange stehen im Einwohnermeldeamt und bei der Kfz-Stelle.
Jens Uwe Kupka
http://www.henson.com/cards/images/everyday_06s.gif
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