Discovery-Cove Artikel in der FR (lang)

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Discovery-Cove Artikel in der FR (lang)

Rummel um die Natur

Es gibt kein richtiges Leben im Beton-Riff? Aber klar: Die Erlebnis-Parks in Florida peppen ihre künstlichen Welten mit echten Tieren und Pflanzen auf.

Von Herbert Fritz

Delfine bekommen keine Falten. Seine 36 Jahre sieht man Capricorn nicht an. Dabei ist er schon im Seniorenalter. Allenfalls an den gelichteten Zahnreihen könne man erkennen, ob das Tier ein älteres sei, sagt Karen, die Trainerin. Von seinen ursprünglich etwa 90 Zähnen hat Capricorn noch zehn. Aber sonst ist er glatt und fest und schön.

Wie fühlt sich ein Delfin an? Vor der Praxis die Theorie: Im Schatten eines Reet-Dachs sitzen die Teilnehmer des "Dolphin Programme" wie eine Schulklasse beim Biologieunterricht. Und weil wir in den USA sind, wo Sicherheit an erster Stelle steht, trägt jeder vielversprechend einen blau-gelben Anzug aus Neopren.

Karen informiert: über die piepsige Sprache, in der sich Familie Tümmler unterhält, über das Ultraschall-Sonarsystem, mit dem sie sich orientiert und über das nicht immer freundliche soziale Gebaren der Meeressäuger mit dem immer freundlichen Gesicht. Und dass wir durchaus damit rechnen müssen, von unseren konkurrenzlos überlegenen Schwimmpartnern geschmäht zu werden, weil sie keine Lust zum Spielen haben oder wir ihnen einfach nicht sympathisch sind. Also auf zur "Dolphin Lagoon", "und steckt den Nippel eurer Reißverschlüsse nach innen, den mögen unsere Freunde besonders gern."

Wie fühlt sich ein Delfin an? - Wie ein Ledersofa. Wie ein Gummiboot. Wie die Haut von Steinpilzen. Je sechs Leute mit zwei Trainern teilen sich ein Tier. Und weil wir in den USA sind, findet jeder jeden sympathisch. Körperkontakt ist mithin garantiert. Die rechte Hand am Unterkiefer, die linke hinter das Blasloch, das mögen sie gern. Halte dich fest an der Rückenfinne und einer der kleinen Seitenflossen, genannt Flipper (ach ja…), und ab geht die Post.

Unsere grauglänzenden Spielgefährten sind gut erzogen. Von Dressur spricht niemand, aber man weiß: Jeder der 28 Delfine zwischen vier Monaten (Coral) und dem Greisenalter (Capricorn) hat die harte Schule eines Fun-Parks hinter sich. Für die Tiere macht ihre neue Heimat, Discovery Cove, mutmaßlich keinen Unterschied. Wohl aber für die Besucher. In keinem Binnengewässer kommerzieller Art ist das Natur-Erlebnis so hautnah wie in Orlandos jüngster Freiluft-Attraktion. Bei all den Zirkusnummern bis hin zum Küsschengeben bleibt die bewegende Erfahrung, von einem Meeresbewohner, doppelt so groß wie man selbst, an die Flosse genommen und in sein Reich entführt zu werden.

Die Illusion vom harmonischen Miteinander von Mensch und Tier ist bei Discovery Cove Konzept. All jenen, die dem Getier und Bewuchs der natürlichen Gestade mit Misstrauen begegnen, präsentiert Busch Entertainment Corp. seit Juli vergangenen Jahres ein Wasserparadies vor dem Sündenfall. Zusammen mit den schnorchelnden Besuchern schwimmen tausende exotischer Fische zwischen den täuschend echten Korallen eines Betonriffs und dem Rumpf eines Schiffswracks. Haie und Barrakudas steuern geradewegs auf die bebrillten Entdecker zu, um kurz vor der Kollision abzudrehen - unsichtbares Panzerglas hält sie fern. Groß wie Gully-Deckel lassen sich Dutzende von Stachelrochen streicheln, ihrer Wehrhaftigkeit selbstredend beraubt. "Wir wollen, dass die Menschen auch in den Erlebnisparks wieder mehr mit der Natur in Berührung kommen", sagt Frank Murru, Park-Manager und selbst ehemaliger Delfin-Trainer. Ohne Gift vom Stachelrochen, bitte. Zurück zur Natur - auf dem asphaltierten Weg.

Ein (künstlicher) Süßwasserfluss mit tropischem Uferbewuchs umspült das Gelände und führt hinter einem Wasserfall durch eine Voliere mit 300 handzahmen Vögeln, ein Querschnitt durch die Spezies der Dschungel dieser Welt und für einen Mehlwurm zu jeder Schmeichelei bereit. Palmen - ohne dräuende Nüsse - wiegen sich in der Lagunenlandschaft, deren blendend weißer Sand von den 150 Kilometer entfernten Clearwater-Stränden bei St. Petersburg stammt. Gastronomie und Wirtschaftsgebäude sind dem Idealtypus eines Dorfensembles in der Südsee entlehnt. Hier kann man es sich gut gehen lassen - für 179 Dollar Eintritt pro Person und Tag. Die naturnahe künstliche Ferienwelt ist ein wahrhaft exklusives Vergnügen: Mehr als 1000 Besucher täglich lässt Frank Murru nicht herein.

Discovery Cove ist der zehnte Erlebnispark des Anheuser Busch-Imperiums. Der weitaus größere und bekanntere liegt auf der anderen Seite des Central Florida Parkway vor der Tür: Sea World, seit 1973 gegen Disney und Universal Studios im Rennen und ein Publikumsmagnet. Einst, nach der Jahrhundertwende, vom deutschen Bierbrauer Adolphus Busch gegründet und mit Budweiser in aller Munde, engagiert sich der Busch-Konzern seit mehr als 40 Jahren in Sachen Flora/Fauna und besitzt inzwischen mit 60000 Tieren von 320 Arten die größte zoologische Sammlung der Welt.

In europäischen Augen eher befremdlich, scheint die Mixtur aus zoologischem Garten und Rummelplatz den Popcorn-Geschmack vor allem jüngerer Familien zu treffen. Im Gequirl von Floridas rasantestem Roller coaster übertönt deren Gekreisch selbst das Gebrüll der Seelöwen. Die Kritik am unglaublichen Dressurakt von Publikumsliebling Shamu wird so lange nicht verstummen, wie der Killerwal mehrfach täglich kraft seiner Schwanzflosse das eigens für ihn gebaute Stadion unter Wasser setzt. (Für die nicht minder umstrittenen Delfin-Shows wird die Arena derzeit umgebaut.)

Die Betreiber kontern mit einer deutlichen Aufwertung der Lebensbedingungen ihrer Tiere auch in anderen Adventure-Parks. Die Delfin-Zucht gilt als die weltweit erfolgreichste. Und die Sea World-Tierärzte genießen für ihre Forschungsarbeit und ihr Engagement auch außerhalb der Parkgrenzen einen ausgezeichneten Ruf.

Neun Uhr Ortstermin Blue Spring, 40 Meilen nördlich von Orlando. Die Ranger des Naturschutzgebiets haben das Sea World-Rettungsteam zu Hilfe gerufen, um eine kranke Seekuh einzufangen und medizinisch zu versorgen. Die sechsköpfige Rescue-Einheit ist mit einer Art Möbelwagen, einem Motorboot auf dem Hänger und großen Netzen angerückt. Presse und Fernsehen haben sich eingefunden. Tue Gutes und rede darüber. Nur Destiny, die Seekuh, ist nicht da.

Ihr Bauch sei nicht mehr glatt und prall, sondern habe die Gestalt einer Ziehharmonika, beschreibt Ranger Hartley das Problem. Er kennt alle der etwa 150 im St. Johns River lebenden Manatees. Wenn im Winter das Flusswasser abkühlt, zieht es viele der bis zu 3,50 Meter langen und eine Tonne schweren Gründler in den warmen Seitenarm der Blauen Quelle, die am Ende des Naturidylls mit konstanten 22 Grad Celsius aus dem Boden dringt. Sechs der sanften Riesen treiben heute - zur Freude einer Hand voll Spaziergänger - in den türkisen Tiefen des Thermalbads. Doch keine Destiny. Am Nachmittag blasen die Retter ihren Einsatz ab.

Rund 250 der vom Aussterben bedrohten Tiere hat Sea World bereits verarztet und anschließend wieder ausgesetzt. Die Schiffsschrauben der Motorboote sind ihr größter Feind, wie ein fieses Schnittmuster auf dem Rücken eines Bullen im Seekuh-Haus von Sea World eindrücklich demonstriert. Ganz klein, als habe man sie in den Universal Studios geschrumpft, stehen dort die Besucher vor einem gigantischen Aquarium, klein auch ob des Friedens und der Zärtlichkeit der Kolosse.

Ein Pavillon mit Film informiert über "Die letzte Generation?" der seltsamen Wesen, auch sonst lässt das Park-Konzept einen didaktischen Anspruch erkennen. Wo sich Beluga-Wale, Eisbären und Walrosse tummeln, führt der Weg durch die Nachbildung einer Forschungsstation in der Arktis mit jeder Menge Hintergrund über das sensible Ökosystem. Den virtuellen Ruckel-Hinflug im Helikopter-Simulator kann man über die Behinderten-Rampe umgehen.

In ihre Adventure-Parks haben die Bierbrauer in den letzten Jahren sichtlich investiert. Nicht ganz freiwillig, hat doch der Erzrivale Disney nun ebenfalls ein Herz für (lebende) Tiere entdeckt. Seit April 1998 führt in Orlando eine gepflegte Autobahn über Magic Kingdom, Epcot und Disney Studios zum vierten Themenpark des Micky-Maus-Konzerns: Animal Kingdom.

Dichtung und Wahrheit. Emulsion aus falsch und echt. Verwirrend schöne neue Welt. Noch vor wenigen Jahren standen derlei Szene- und Landschaftsbilder ausschließlich in den Hallen großer Filmfabriken. Heute leisten sich zoologische Gärten immerhin das eine oder andere der tierisch teuren Environments, um die Haftbedingungen ihrer Insassen zu verbessern. Hier ein Gorilla-Berg, dort der Canyon mit Nilpferd-Pool.

Disney kann sich alles leisten: die Tiger in einer asiatischen Tempelanlage - zum Niederknien; ein afrikanisches Dorf, in dem ein Filmteam aus dem Stand zu drehen beginnen könnte (walzte da nicht der Touristenstrom); eine prähistorische Ausgrabungsstätte samt Dino-Funden - naja; ein Riesenbaobab mit 325 Tiermotiven in Stamm und Geäst - also nee. Es lebe der Form-Beton!

Bei Animal Kingdom haben die Illusionskünstler der Disney-Factory ein Meisterstück abgeliefert. Die Planer nicht. Neben Löwen-Fels und Dschungel-Lehrpfad gibt es eben noch Pocahontas, Minnie und Mickey und die unvermeidliche Spritztour auf dem Floß. Da muss man durch bis zur Safari jenseits von Afrika. Die Savanne für Elefanten, Zebras und Giraffen freilich ist dann wie aus dem Brehm.

Dass die Besatzungen der Geländewagen alle zehn Minuten eine Horde von Wilddieben zur Strecke bringen, ließ die Konkurrenz nicht ruhen. Busch Gardens in Tampa, eine Fahrstunde entfernt, setzt dem künftig eine "Rhino Rally" entgegen und gräbt dafür derzeit seine halbe "Serengeti Plain" um. Auf Zickzackkurs zwischen (echtem) Rhinozeros, Flamingo und Elefant müssen die Landrover durch Schlammlöcher und ein ausgetrocknetes Flussbett, das sich just bei der Passage füllt und das Fahrzeug mitsamt einer Brücke fortreißt. "Die Leute können mitbestimmen, wo es langgeht, das erhöht den Thrill", schwärmt William Darnall, PR-Mann von Busch Gardens Tampa Bay. Ihn wurmt, dass der Löwenanteil der Spaßtouristen Floridas nach Orlando geht. Sein Unternehmen hat das Zoo-Botanik-Vergnügungs-Fress-Show-Sortiment deshalb unlängst durch zwei Super-Achterbahnen und eine ägyptische Tempelanlage mit dem Grab Tut-ench-Amuns komplettiert.

Die Attraktionsfülle von Orlando scheint Busch in Tampa auf zwei Quadratkilometern zu verdichten, doch gegen die Fun-Metropole im Osten bekommt die geruhsamere Bay-City trotz der nahen Strände keinen Stich. Mit zuletzt 42 Millionen Besuchern im Jahr - Tendenz steigend - lässt Orlando selbst Las Vegas und New York hinter sich.

Neben den flächenfressenden Themen-Parks von Disney, Busch und Universal lockt das amöbenhaft ausgreifende Stadtgebilde mit bald 100 weiteren Freizeitfüllern. Gespickt mit Gruselschloss und Wasserrutschen, haushohem Kinderspielzeug und einer von den Architekten schief in eine Pseudo-Erdbebenspalte gesetzte Villa, erscheint das neue Zentrum abseits von Downtown selbst wie ein Freizeitpark. Hier landete ein klassizistisches Gebäude auf dem Dach, das ein Tornado dem Bermudadreieck entriss und an den International Drive katapultierte (in "Wonderworks" steht alles Kopf). Hier hat Guinness seinem Buch der Rekorde eine futuristische Walhalla errichtet, zeigt ein Titanic-Museum die größte ortsgebundene Sammlung von Originalteilen des Katastrophendampfers und Requisiten aus dem Cameron-Film.

Orlando: knapp eine Million Einwohner, 100000 Hotelzimmer, 3800 Restaurants, 125 Golfplätze im Umkreis einer Dreiviertelstunde mit dem Auto; das größte McDonald's der Welt, das größte Factory Outlet Center der USA, die größten Shopping Malls von Florida.

Jeden Morgen, kurz vor elf Uhr, rollt Mark Hirchert in der Lobby des nobelsten Hotels der Stadt, dem Peabody, einen roten Teppich aus. Schlag elf spazieren darauf zu den Klängen eines Militärmarschs fünf Enten und ihr "Duck Master" in goldbetresster Livree durch dichte Reihen von Hotelgästen und Besuchern. Ziel ist ein Springbrunnen mitten in der Halle. Dort verbringt das gefiederte Quintett den Tag. Um fünf Uhr nachmittags wiederholt sich die Zeremonie in umgekehrter Richtung. Dann geht's zurück in den "Enten-Palast", ein kleines Marmor-Penthouse, 100000 Dollar schwer.

Die Investition hat sich längst amortisiert. Der Duck March ist legendär, die Enten ein Markenzeichen. Einst eine Panne, als ein paar Lockenten nach einem Jagdausflug im Zierbrunnen des Peabody-Mutterhauses in Memphis nächtigten, sind der Erpel und seine vier Damen auch in der Fünf-Sterne-Dependance von Orlando Kult. Bei Benefizveranstaltungen in puncto Umwelt, in Schulen oder Clubs, sind der smarte Mark Hirchert und seine Schützlinge gefragte Gäste. VIP wird hier als "very important poultry" interpretiert. Die jährlich ausgelobte Gestaltung einer 15-Dollar-Sondermarke entwickelte sich zu einem begehrten nationalen Kunstpreis, der bereits Millionen einbrachte. Mit dem Geld werden bedrohte Feuchtgebiete aufgekauft und Brutreviere unter Schutz gestellt. Zurück zur Natur auf dem roten Teppich. Onkel Dagobert gönnt sich ja sonst nichts. Entenhausen liegt gerade mal drei Meilen entfernt.
Quelle: Frankfurter Rundschau
Grüsse
Jakob

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