Der etwas andere Erlebnispark
:-biggrin
Der nachfolgende Artikel ist nicht erstunken und gelogen, sondern entspricht der Wahrheit. Ob dies Auswirkungen von BSE sind, ist bislang noch nicht erforscht.
:-biggrin ;-)
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Fleischeslust
Wo jeden Tag Grüne Woche ist: Bei "Bauer Ewald" wird die deutsche Landwirtschaft noch gefeiert
Henning Sussebach
HALTERN, im Januar. Es sieht dann doch anders aus als im Katalog. Der Bauernhof ist "umgeben von saftigen Wiesen und riesigen Wäldern", stand im Prospekt. Doch der Hof ist umgeben von riesigen Parkplätzen; Autos und Busse werfen an diesem Morgen lange Schatten auf den Asphalt. Denn auch das war im Werbeblatt zu lesen: "Wir sind darauf eingerichtet, täglich bis zu fünfzig unangemeldete Busse prompt zu bedienen." Heute sind sie aus dem Ruhrgebiet angerollt, aus Duisburg, Gelsenkirchen, Recklinghausen und Hamm.
Die Besucher sind ins Münsterland gereist, um einen Bauernhof zu besichtigen, eine gewaltige Agrarmaschine mit geschlossenem Kreislauf: Hier wird geboren, gemästet, geschlachtet, gegessen, verdaut. Der Prickings-Hof im nordrhein-westfälischen Haltern ist ein Tempel, jedes Jahr kommen eine Million Menschen, um das Bauerntum anzubeten. Und das Fleisch. Wer sich gut vorbereitet hat auf die Tagesreise, wird die Warnung im Prospekt beachtet haben: "Wichtig: Vor Antritt der Fahrt so wenig essen wie möglich. Denn durch die Riesenmahlzeiten nach bäuerlicher Art (preiswert und gut) ist der original Prickings-Hof bekannt im ganzen deutschen Vaterland."
Blutwurst aus dem Automaten
Die Reisegruppen sammeln sich vor roten Ziegelbauten. 19,90 Mark hat jeder für die Fahrt bezahlt, inklusive Kaffee, Kuchen und dem "Schlemmerpaket" für zu Hause mit Eiern. Und Fleisch. Am Abend soll es eine Verlosung geben, Hauptgewinn ist ein halbes Schwein.
Überall hängen Transparente. "Schwerster Zuchtbulle der Welt!", "Größte bäuerliche Speisewirtschaft Europas mit 2 500 rustikal ausgebauten Sitzplätzen!", "Das größte Wunderwerk der Welt hat Bauer Ewald hier erstellt!" Bauer Ewald ist der bekannteste Bauer der Bundesrepublik. Mag in Berlin wieder die Grüne Woche beginnen, in Haltern ist durchweg Grünes Jahr, seit Bauer Ewald seinen Hof in drei Jahrzehnten zum Erlebnispark fürs deutsche Vaterland ausbaute.
Schon im Foyer gibt es Bier, gibt es Blutwurst, die aus Automaten kullert, gibt es "Riesenpfannenfrische Bauern-Frikadellen". Seife auf den Toiletten gibt es nicht. Das Foyer ist das Maul des Prickings-Hofes. Wer einmal drin ist, wird verschluckt. Er wird in düstere Gänge gezogen, auf einen Rundweg von 1 500 Meter Länge, vorbei an 850 Mastbullen, 2 800 Mastschweinen und 150 Zuchtsauen. Es gibt kein Zurück und keine Zweifel.
Karl und Waltraud Pukowski sind mit einer Dortmunder Rentnergruppe gekommen. Sein Pullover spannt ein wenig über dem Bauch. Waltraud Pukowskis Halskette ruht auf einem mächtigen Plateau. Das Paar steht zwischen den Ställen. Hinter Glas liegen dicht an dicht die Schweine. "Das gibt lecker Koteletts", sagt Pukowski. "Hier sehen Sie unsere tragenden Mutterschweine vom 1. bis 110. Tag. Danach werden sie in den Abferkelbereich umgestallt", steht auf einem Schild. Im Abferkelbereich dösen die Ferkel im Rotlicht, auf einem Gitter, durch das ihr Kot fällt. Dann kommen die Bullen, im Dunkel senken sie ihre Schädel in die Futtertröge. Karl und Waltraud Pukowski sehen die Massentierhaltung, die die neue Agrarministerin Renate Künast kritisiert hat. "Die Kleine?" fragt Pukowski, "die soll mal schön den Mund halten." Die mit ihrer Hysterie. "Rinderwahn!" ruft er durch den Gang, "das bricht doch erst in dreißig Jahren aus. Da bin ich hundertdrei, das reicht mir." Also weiter, immer dem gelben Pfeil nach. Seine Frau nickt. Sie liest ihm Bauernregeln vor, die an die Wände geschrieben sind. Pukowski schaut sich Fotos an; Fotos, auf denen sich Bauer Ewald den Gästen zeigt.
Dallas im Münsterland
Der Bauer sieht so aus, wie die Landwirtschaftsminister vor Renate Künast ausgesehen haben: dick, rotgesichtig, wie ein netter Onkel. Er streichelt Kühe, er streichelt Kinder, er zieht mit einer Pauke über den Hof, er posiert vor seinen vier Cadillacs. "J.R. vom Münsterland" haben die Bauern von den Nachbarhöfen ihn genannt, weil er mit seinem Cowboyhut aussah wie der böse Mann aus Dallas. Der Vergleich hat Ewald gefallen.
Zu seinem 65. Geburtstag hat er Larry Hagman eingeladen, den Schauspieler, der einst J.R. gewesen ist. 30 000 Mark hat der Bauer bezahlt, damit sich Hagman per Helikopter in die Provinz fliegen ließ. Der Bauer ließ die Nationalhymnen spielen, Ewald und Larry legten ihre Cowboyhüte an die Herzen, dann schritten sie die Ställe ab. "Duft von Southfork über Prickings-Hof", schrieb die Zeitung. Das war im Sommer 1994. Im Winter 1994 war Bauer Ewald tot.
"Einige wissen das bis heute nicht", sagt Ewalds Sohn, der nicht Bauer Thomas sein will, sondern Herr Döpper. Er hat alles gelassen, wie es war, "es ist ja das Lebenswerk meines Vaters". Deshalb die alten Wagenräder, deshalb die Fototapeten aus den siebziger Jahren, deshalb auch das Porträt von Franz Josef Strauß im Büro. 25 Millionen Mark setzt Döpper in jedem Jahr um. Seit einer Woche sind die Betriebsferien vorbei, und trotz BSE kommen die Leute. Wie immer. Döpper hat nie daran gezweifelt.
Er spricht sonores Westfälisch, wie es seine Gäste von Franz Müntefering aus dem Fernsehen kennen. Döpper sagt, auf seinen Hof kommen sie alle, "vom Professor bis zu den armen Schluckern". Das Wort von den Schluckern ist nicht schlecht, die Leute sind zum Essen hier, und Döpper will sie satt machen. Wenn er auf den Speisekarten das "große bäuerliche Schnitzel - 17,50 DM" anbietet, dann ist das nicht ein Schnitzel, dann sind das drei riesige panierte Scheiben. Wenn "zwei Riesenbockwürste (1/2 Meter) - 11,50 DM" aufgetischt werden, messen die Gäste nach.
Wer zwischen den Zeilen lesen kann, liest aus der Speisekarte die Angst der Nachkriegszeit heraus: Wer weiß, wann’s wieder was gibt. Ganz unten auf der Karte steht ein Tipp, fett gedruckt: "Zum Mitnehmen für nicht verzehrte Speisen steht Einschlagpapier kostenlos bereit." Einige Gäste haben sich Eimer mitgebracht.
"Wir haben es vor ein paar Jahren mal mit nur zwei Schnitzeln probiert", sagt Döpper, "ging nicht. Die Leute haben gesagt: Jetzt gibt’s sogar beim Ewald schon weniger." 230 Tonnen Rindfleisch und 670 Tonnen Schweinefleisch verkauft er im Jahr, "das alles ökologisch umzusetzen, wird auch in zehn Jahren nicht machbar sein", sagt er, "man muss ja bedenken, die Produkte werden dadurch nicht billiger." Teurer dürfen sie aber nicht werden, Döpper kennt seine Leute, sie müssen zu jenen 37 Prozent der Deutschen gehören, die nach einer Forsa-Umfrage keinen Pfennig mehr für ihr Fleisch bezahlen wollen. Obwohl sie jetzt im Fernsehen immer diese Bilder sehen: eine Kuh, der die Beine wegknicken. Gewürfeltes Kuhhirn in Reagenzgläsern. Kuhbeine, die im Feuer verschwinden. Da bildet sich eine kleine senkrechte Furche auf Döppers Stirn. Vielleicht sorgt er sich vor einem BSE-Gerücht, das durch diesen Journalistenbesuch entstehen könnte. Vielleicht denkt er, dass die Verbraucher, die an seinem Büro vorbeiziehen, in der BSE-Krise nicht nur Opfer sind. Weil sie kommen und Fleisch wollen, viel und billig. Tiermehl, sagt Döpper, haben sein Vater und er nicht verfüttert. Niemals, "das ist für mich schon eine ästhetische Frage".
In den Ställen streben Karl und Waltraud Pukowski dem Höhepunkt des Rundgangs entgegen, der Peepshow. "Kommen, sehen, staunen" steht neben dunklen Fenstergläsern, "hier deckt der schwerste Kaltbluthengst Europas, Adonis von Blaiendhal. Weiterhin sehen Sie die Befruchtung versch. Tiere! Einwurf: 1 DM." Die Münze fällt, das Fenster öffnet sich, ein Video läuft an. "Heute Morgen war einer bei mir, der hat sich für die Peepshow einen Zehner klein machen lassen", hat die Kassiererin am Eingang gesagt.
Zehn Minuten und hundert Landmaschinen später treten die Pukowskis wieder ins Licht der Eingangshalle. Es ist Mittag. Das Schlemmerpaket gibt es erst am Nachmittag, die Busse fahren nicht vor halb sechs. Es bleibt viel Zeit für Langeweile und dafür, die Langeweile mit Geldausgeben zu vertreiben. Also an die Kioske oder in die Kneipen. Schnell sind die Pukowskis verschwunden, vielleicht im "Bullenstall" oder im "Maststall", so heißen die Restaurants. Dort warten alle auf die Dämmerung.
Das große Los
Wer sich an den Ablauf hält, lässt den Tag im Steakhaus ausklingen. Männer und Frauen sinken auf Stühle an langen Tischen. Kellner tragen Kaffee, Kuchen und Schnaps herbei. Und Schnitzel, die über den Tellerrand ragen. Am Kopf der Halle, unter einem Ährengebinde, steht eine Hammondorgel. Vor der Orgel steht ein Pult mit sechs Goldbuchstaben darauf: R, A, I, N, E, R. Hinter der Orgel steht Rainer. Die Rote Sonne von Barbados versinkt im Meer, und Rainer sagt "Dankeschön", bevor die Leute klatschen. Rainer ist der Jüngste hier im Saal. Er ist zweiundfünfzig.
Willi Krug ist einundsiebzig, er sitzt mit seiner Freundin Josefine Leutzer ganz hinten im Steakhaus. Sie sind um acht Uhr morgens in Dorsten losgefahren. Frau Leutzer gähnt. Krug sagt, sie waren schon fünfzehn Mal hier. "Dreißig Mal", sagt sie. Und alles ist wie immer. "Vor Rinderwahn brauchste keine Bange haben", sagt Krug, "wenn hier BSE ist, geht der Bauer Ewald doch stempeln. Das kann der sich gar nicht erlauben. Also."
Wichtig ist ohnehin nur noch das halbe Schwein. Krug hat zwanzig Lose gekauft und zwanzig Mark dafür bezahlt. "Ein Groschen mehr als die ganze Reise." Er trinkt Bier, sie trinkt nichts. Er lernt die Losnummern auswendig, sie schaut nach, ob im Schlemmerpaket wirklich alles drin ist: zehn Eier, eine Schale Pilze, ein Kilo Brot, zwei Kilo Blutwurst, Mettwurst, Leberwurst, Schwartenmagen.
Rainer an der Orgel steigert das Tempo und spielt "Anton aus Tirol". Der Saal ist voll, es riecht nach Bier und Rauch und Parfüm. Vorn erledigt ein Vortänzerpaar seine Arbeit, hinten lernt Krug wieder seine Losnummern auswendig. 053 bis 072. Rainer stimmt "Die Hände zum Himmel" an, da fährt eine Metzgerin das Schwein in die Halle. Es liegt zersägt und zugetütet in einem Einkaufswagen, zusammen mit ein paar kleineren Gewinnen.
Krug sagt: "Da ist die Sau."
Der Mann an der Orgel sagt: "Wir fangen an." Die Metzgerin breitet vorn auf der Tanzfläche die Preise aus. Eier, Pilze, Fleisch. "Hier liegen sechshunderttausend Kalorien", ruft der Orgelspieler und zieht das erste Los. "Zehn Eier im Wert von DM zweifünfzig für die Nummer 077!" Hektische Blicke auf die Lose. Ein Mann stürzt nach vorn, macht einen Diener und nimmt die Packung entgegen.
Ein halbes Schwein
Der Schinken "im Wert von DM fünfzig" geht an die 407, der Orgelspieler sagt: "Schinken muss man streicheln, meine Herren." Er lacht, Frau Leutzer lacht, Krug klopft ihr aufs Bein. Keiner verlässt das Steakhaus, die deutsche Landwirtschaft ist beste Unterhaltung.
Der Bullenschluck "im Wert von DM fünfundfünfzig" geht an die 662. Der Orgelspieler sagt: "42 Umdrehungen! Wenn ihr die Pulle anguckt, habt ihr schon einen an der Kurbel." Krug lacht nicht mehr und sagt: "Alles die hohen Nummern, da brauch ich gar nicht gucken." Frau Leutzer sagt nichts, guckt aber, als denke sie: das schöne Geld.
Der Orgelspieler zieht jetzt den Einkaufswagen mit dem halben Schwein zu sich, schaut hinab auf die fünfzig Kilogramm Fleisch und fragt: "Wer hat denn heute im Ferrari Platz genommen? Na? Unsere Helga! Ach, Helga, hast dir zur Feier des Tages sogar die Eisbeinchen lackiert." Jetzt lachen alle. "Gewonnen hat die Nummer 068."
Die 068. Das ist Krug. Er ruft: "Hier!" Frau Leutzer sagt: "Bist du bekloppt? Guck noch mal nach!" Aber er steht schon im Applaus, jetzt ist alles so unabänderlich wie im Film, wie in Zeitlupe: ein langer Weg nach vorn, hundert Augen auf Krug gerichtet, ein Händedruck, eine Siegerfaust, eine halbe Sau. "Im Wert von DM dreihundertfünfzig". Und viele Schulterklopfer auf dem Weg hinaus zum Parkplatz.
Die Motoren der Busse laufen schon, der Abendhimmel leuchtet türkis. Krug schiebt das Schwein ins Licht der Scheinwerfer. Hinter ihm seine Freundin und all die anderen mit weißen Plastiktüten in den Händen. Sie tragen das Fleisch und die Lieder aus dem Gehöft, ein Mann am Ende der Schlange singt leise: "Die Hände zum Himmel".
Zu einem Beutezug sind sie am Morgen angetreten. Nun ist es ein Triumphzug geworden, Krug setzt sich an die Spitze der Verbraucher. Sein Vierspänner ist ein Einkaufswagen. Darin liegt das Schwein.
JUK
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Der nachfolgende Artikel ist nicht erstunken und gelogen, sondern entspricht der Wahrheit. Ob dies Auswirkungen von BSE sind, ist bislang noch nicht erforscht.
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Fleischeslust
Wo jeden Tag Grüne Woche ist: Bei "Bauer Ewald" wird die deutsche Landwirtschaft noch gefeiert
Henning Sussebach
HALTERN, im Januar. Es sieht dann doch anders aus als im Katalog. Der Bauernhof ist "umgeben von saftigen Wiesen und riesigen Wäldern", stand im Prospekt. Doch der Hof ist umgeben von riesigen Parkplätzen; Autos und Busse werfen an diesem Morgen lange Schatten auf den Asphalt. Denn auch das war im Werbeblatt zu lesen: "Wir sind darauf eingerichtet, täglich bis zu fünfzig unangemeldete Busse prompt zu bedienen." Heute sind sie aus dem Ruhrgebiet angerollt, aus Duisburg, Gelsenkirchen, Recklinghausen und Hamm.
Die Besucher sind ins Münsterland gereist, um einen Bauernhof zu besichtigen, eine gewaltige Agrarmaschine mit geschlossenem Kreislauf: Hier wird geboren, gemästet, geschlachtet, gegessen, verdaut. Der Prickings-Hof im nordrhein-westfälischen Haltern ist ein Tempel, jedes Jahr kommen eine Million Menschen, um das Bauerntum anzubeten. Und das Fleisch. Wer sich gut vorbereitet hat auf die Tagesreise, wird die Warnung im Prospekt beachtet haben: "Wichtig: Vor Antritt der Fahrt so wenig essen wie möglich. Denn durch die Riesenmahlzeiten nach bäuerlicher Art (preiswert und gut) ist der original Prickings-Hof bekannt im ganzen deutschen Vaterland."
Blutwurst aus dem Automaten
Die Reisegruppen sammeln sich vor roten Ziegelbauten. 19,90 Mark hat jeder für die Fahrt bezahlt, inklusive Kaffee, Kuchen und dem "Schlemmerpaket" für zu Hause mit Eiern. Und Fleisch. Am Abend soll es eine Verlosung geben, Hauptgewinn ist ein halbes Schwein.
Überall hängen Transparente. "Schwerster Zuchtbulle der Welt!", "Größte bäuerliche Speisewirtschaft Europas mit 2 500 rustikal ausgebauten Sitzplätzen!", "Das größte Wunderwerk der Welt hat Bauer Ewald hier erstellt!" Bauer Ewald ist der bekannteste Bauer der Bundesrepublik. Mag in Berlin wieder die Grüne Woche beginnen, in Haltern ist durchweg Grünes Jahr, seit Bauer Ewald seinen Hof in drei Jahrzehnten zum Erlebnispark fürs deutsche Vaterland ausbaute.
Schon im Foyer gibt es Bier, gibt es Blutwurst, die aus Automaten kullert, gibt es "Riesenpfannenfrische Bauern-Frikadellen". Seife auf den Toiletten gibt es nicht. Das Foyer ist das Maul des Prickings-Hofes. Wer einmal drin ist, wird verschluckt. Er wird in düstere Gänge gezogen, auf einen Rundweg von 1 500 Meter Länge, vorbei an 850 Mastbullen, 2 800 Mastschweinen und 150 Zuchtsauen. Es gibt kein Zurück und keine Zweifel.
Karl und Waltraud Pukowski sind mit einer Dortmunder Rentnergruppe gekommen. Sein Pullover spannt ein wenig über dem Bauch. Waltraud Pukowskis Halskette ruht auf einem mächtigen Plateau. Das Paar steht zwischen den Ställen. Hinter Glas liegen dicht an dicht die Schweine. "Das gibt lecker Koteletts", sagt Pukowski. "Hier sehen Sie unsere tragenden Mutterschweine vom 1. bis 110. Tag. Danach werden sie in den Abferkelbereich umgestallt", steht auf einem Schild. Im Abferkelbereich dösen die Ferkel im Rotlicht, auf einem Gitter, durch das ihr Kot fällt. Dann kommen die Bullen, im Dunkel senken sie ihre Schädel in die Futtertröge. Karl und Waltraud Pukowski sehen die Massentierhaltung, die die neue Agrarministerin Renate Künast kritisiert hat. "Die Kleine?" fragt Pukowski, "die soll mal schön den Mund halten." Die mit ihrer Hysterie. "Rinderwahn!" ruft er durch den Gang, "das bricht doch erst in dreißig Jahren aus. Da bin ich hundertdrei, das reicht mir." Also weiter, immer dem gelben Pfeil nach. Seine Frau nickt. Sie liest ihm Bauernregeln vor, die an die Wände geschrieben sind. Pukowski schaut sich Fotos an; Fotos, auf denen sich Bauer Ewald den Gästen zeigt.
Dallas im Münsterland
Der Bauer sieht so aus, wie die Landwirtschaftsminister vor Renate Künast ausgesehen haben: dick, rotgesichtig, wie ein netter Onkel. Er streichelt Kühe, er streichelt Kinder, er zieht mit einer Pauke über den Hof, er posiert vor seinen vier Cadillacs. "J.R. vom Münsterland" haben die Bauern von den Nachbarhöfen ihn genannt, weil er mit seinem Cowboyhut aussah wie der böse Mann aus Dallas. Der Vergleich hat Ewald gefallen.
Zu seinem 65. Geburtstag hat er Larry Hagman eingeladen, den Schauspieler, der einst J.R. gewesen ist. 30 000 Mark hat der Bauer bezahlt, damit sich Hagman per Helikopter in die Provinz fliegen ließ. Der Bauer ließ die Nationalhymnen spielen, Ewald und Larry legten ihre Cowboyhüte an die Herzen, dann schritten sie die Ställe ab. "Duft von Southfork über Prickings-Hof", schrieb die Zeitung. Das war im Sommer 1994. Im Winter 1994 war Bauer Ewald tot.
"Einige wissen das bis heute nicht", sagt Ewalds Sohn, der nicht Bauer Thomas sein will, sondern Herr Döpper. Er hat alles gelassen, wie es war, "es ist ja das Lebenswerk meines Vaters". Deshalb die alten Wagenräder, deshalb die Fototapeten aus den siebziger Jahren, deshalb auch das Porträt von Franz Josef Strauß im Büro. 25 Millionen Mark setzt Döpper in jedem Jahr um. Seit einer Woche sind die Betriebsferien vorbei, und trotz BSE kommen die Leute. Wie immer. Döpper hat nie daran gezweifelt.
Er spricht sonores Westfälisch, wie es seine Gäste von Franz Müntefering aus dem Fernsehen kennen. Döpper sagt, auf seinen Hof kommen sie alle, "vom Professor bis zu den armen Schluckern". Das Wort von den Schluckern ist nicht schlecht, die Leute sind zum Essen hier, und Döpper will sie satt machen. Wenn er auf den Speisekarten das "große bäuerliche Schnitzel - 17,50 DM" anbietet, dann ist das nicht ein Schnitzel, dann sind das drei riesige panierte Scheiben. Wenn "zwei Riesenbockwürste (1/2 Meter) - 11,50 DM" aufgetischt werden, messen die Gäste nach.
Wer zwischen den Zeilen lesen kann, liest aus der Speisekarte die Angst der Nachkriegszeit heraus: Wer weiß, wann’s wieder was gibt. Ganz unten auf der Karte steht ein Tipp, fett gedruckt: "Zum Mitnehmen für nicht verzehrte Speisen steht Einschlagpapier kostenlos bereit." Einige Gäste haben sich Eimer mitgebracht.
"Wir haben es vor ein paar Jahren mal mit nur zwei Schnitzeln probiert", sagt Döpper, "ging nicht. Die Leute haben gesagt: Jetzt gibt’s sogar beim Ewald schon weniger." 230 Tonnen Rindfleisch und 670 Tonnen Schweinefleisch verkauft er im Jahr, "das alles ökologisch umzusetzen, wird auch in zehn Jahren nicht machbar sein", sagt er, "man muss ja bedenken, die Produkte werden dadurch nicht billiger." Teurer dürfen sie aber nicht werden, Döpper kennt seine Leute, sie müssen zu jenen 37 Prozent der Deutschen gehören, die nach einer Forsa-Umfrage keinen Pfennig mehr für ihr Fleisch bezahlen wollen. Obwohl sie jetzt im Fernsehen immer diese Bilder sehen: eine Kuh, der die Beine wegknicken. Gewürfeltes Kuhhirn in Reagenzgläsern. Kuhbeine, die im Feuer verschwinden. Da bildet sich eine kleine senkrechte Furche auf Döppers Stirn. Vielleicht sorgt er sich vor einem BSE-Gerücht, das durch diesen Journalistenbesuch entstehen könnte. Vielleicht denkt er, dass die Verbraucher, die an seinem Büro vorbeiziehen, in der BSE-Krise nicht nur Opfer sind. Weil sie kommen und Fleisch wollen, viel und billig. Tiermehl, sagt Döpper, haben sein Vater und er nicht verfüttert. Niemals, "das ist für mich schon eine ästhetische Frage".
In den Ställen streben Karl und Waltraud Pukowski dem Höhepunkt des Rundgangs entgegen, der Peepshow. "Kommen, sehen, staunen" steht neben dunklen Fenstergläsern, "hier deckt der schwerste Kaltbluthengst Europas, Adonis von Blaiendhal. Weiterhin sehen Sie die Befruchtung versch. Tiere! Einwurf: 1 DM." Die Münze fällt, das Fenster öffnet sich, ein Video läuft an. "Heute Morgen war einer bei mir, der hat sich für die Peepshow einen Zehner klein machen lassen", hat die Kassiererin am Eingang gesagt.
Zehn Minuten und hundert Landmaschinen später treten die Pukowskis wieder ins Licht der Eingangshalle. Es ist Mittag. Das Schlemmerpaket gibt es erst am Nachmittag, die Busse fahren nicht vor halb sechs. Es bleibt viel Zeit für Langeweile und dafür, die Langeweile mit Geldausgeben zu vertreiben. Also an die Kioske oder in die Kneipen. Schnell sind die Pukowskis verschwunden, vielleicht im "Bullenstall" oder im "Maststall", so heißen die Restaurants. Dort warten alle auf die Dämmerung.
Das große Los
Wer sich an den Ablauf hält, lässt den Tag im Steakhaus ausklingen. Männer und Frauen sinken auf Stühle an langen Tischen. Kellner tragen Kaffee, Kuchen und Schnaps herbei. Und Schnitzel, die über den Tellerrand ragen. Am Kopf der Halle, unter einem Ährengebinde, steht eine Hammondorgel. Vor der Orgel steht ein Pult mit sechs Goldbuchstaben darauf: R, A, I, N, E, R. Hinter der Orgel steht Rainer. Die Rote Sonne von Barbados versinkt im Meer, und Rainer sagt "Dankeschön", bevor die Leute klatschen. Rainer ist der Jüngste hier im Saal. Er ist zweiundfünfzig.
Willi Krug ist einundsiebzig, er sitzt mit seiner Freundin Josefine Leutzer ganz hinten im Steakhaus. Sie sind um acht Uhr morgens in Dorsten losgefahren. Frau Leutzer gähnt. Krug sagt, sie waren schon fünfzehn Mal hier. "Dreißig Mal", sagt sie. Und alles ist wie immer. "Vor Rinderwahn brauchste keine Bange haben", sagt Krug, "wenn hier BSE ist, geht der Bauer Ewald doch stempeln. Das kann der sich gar nicht erlauben. Also."
Wichtig ist ohnehin nur noch das halbe Schwein. Krug hat zwanzig Lose gekauft und zwanzig Mark dafür bezahlt. "Ein Groschen mehr als die ganze Reise." Er trinkt Bier, sie trinkt nichts. Er lernt die Losnummern auswendig, sie schaut nach, ob im Schlemmerpaket wirklich alles drin ist: zehn Eier, eine Schale Pilze, ein Kilo Brot, zwei Kilo Blutwurst, Mettwurst, Leberwurst, Schwartenmagen.
Rainer an der Orgel steigert das Tempo und spielt "Anton aus Tirol". Der Saal ist voll, es riecht nach Bier und Rauch und Parfüm. Vorn erledigt ein Vortänzerpaar seine Arbeit, hinten lernt Krug wieder seine Losnummern auswendig. 053 bis 072. Rainer stimmt "Die Hände zum Himmel" an, da fährt eine Metzgerin das Schwein in die Halle. Es liegt zersägt und zugetütet in einem Einkaufswagen, zusammen mit ein paar kleineren Gewinnen.
Krug sagt: "Da ist die Sau."
Der Mann an der Orgel sagt: "Wir fangen an." Die Metzgerin breitet vorn auf der Tanzfläche die Preise aus. Eier, Pilze, Fleisch. "Hier liegen sechshunderttausend Kalorien", ruft der Orgelspieler und zieht das erste Los. "Zehn Eier im Wert von DM zweifünfzig für die Nummer 077!" Hektische Blicke auf die Lose. Ein Mann stürzt nach vorn, macht einen Diener und nimmt die Packung entgegen.
Ein halbes Schwein
Der Schinken "im Wert von DM fünfzig" geht an die 407, der Orgelspieler sagt: "Schinken muss man streicheln, meine Herren." Er lacht, Frau Leutzer lacht, Krug klopft ihr aufs Bein. Keiner verlässt das Steakhaus, die deutsche Landwirtschaft ist beste Unterhaltung.
Der Bullenschluck "im Wert von DM fünfundfünfzig" geht an die 662. Der Orgelspieler sagt: "42 Umdrehungen! Wenn ihr die Pulle anguckt, habt ihr schon einen an der Kurbel." Krug lacht nicht mehr und sagt: "Alles die hohen Nummern, da brauch ich gar nicht gucken." Frau Leutzer sagt nichts, guckt aber, als denke sie: das schöne Geld.
Der Orgelspieler zieht jetzt den Einkaufswagen mit dem halben Schwein zu sich, schaut hinab auf die fünfzig Kilogramm Fleisch und fragt: "Wer hat denn heute im Ferrari Platz genommen? Na? Unsere Helga! Ach, Helga, hast dir zur Feier des Tages sogar die Eisbeinchen lackiert." Jetzt lachen alle. "Gewonnen hat die Nummer 068."
Die 068. Das ist Krug. Er ruft: "Hier!" Frau Leutzer sagt: "Bist du bekloppt? Guck noch mal nach!" Aber er steht schon im Applaus, jetzt ist alles so unabänderlich wie im Film, wie in Zeitlupe: ein langer Weg nach vorn, hundert Augen auf Krug gerichtet, ein Händedruck, eine Siegerfaust, eine halbe Sau. "Im Wert von DM dreihundertfünfzig". Und viele Schulterklopfer auf dem Weg hinaus zum Parkplatz.
Die Motoren der Busse laufen schon, der Abendhimmel leuchtet türkis. Krug schiebt das Schwein ins Licht der Scheinwerfer. Hinter ihm seine Freundin und all die anderen mit weißen Plastiktüten in den Händen. Sie tragen das Fleisch und die Lieder aus dem Gehöft, ein Mann am Ende der Schlange singt leise: "Die Hände zum Himmel".
Zu einem Beutezug sind sie am Morgen angetreten. Nun ist es ein Triumphzug geworden, Krug setzt sich an die Spitze der Verbraucher. Sein Vierspänner ist ein Einkaufswagen. Darin liegt das Schwein.
JUK
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