Zeitungsartikel Colossos
Erschienen in der Hannoversche Allgemeine
80 Tonnen Schrauben halten "Colossos"
"Noch einen Zentimeter nach rechts!" Fröstelnd zieht Matthias Renken sein Stirnband über die Ohren, um sich gegen die eisige Winterkälte zu schützen. Der 29-jährige Polier justiert sein Nivelliergerät, schiebt den Helm in den Nacken und beobachtet die beiden Arbeiter, die in 15 Meter Höhe einen Holzbalken in einer Verankerung befestigen. "Jetzt einen halben Zentimeter nach links", ruft Renken, "gut so, stopp." Zufrieden lächelnd reibt er sich die kalten Hände. "Alles läuft nach Plan."
Bis Ostern soll im Heidepark Soltau die größte Holzachterbahn der Welt entstehen. "Colossos" heißt das ehrgeizige Projekt, das sich Parkbetreiber Hans-Jürgen Tiemann 45 Millionen Mark kosten lässt. Eine Achterbahn aus Holz sei schon immer sein großer Traum gewesen, sagt der ehemalige Schausteller, der den bunten Freizeitpark 1978 eröffnet hat.
Die Wagemutigen unter den jährlich gut zwei Millionen Besuchern können sich bald nicht nur in der Schweizer Bobbahn oder der Looping-Bahn vergnügen, sondern sich auch in einer Holzachterbahn bei 120 Stundenkilometern den Wind um die Nase wehen lassen. Die anderen Fahrattraktionen im Heidepark bringen es bislang maximal auf eine Höchstgeschwindigkeit von 46 Stundenkilometern. Bis zu 1500 Personen in der Stunde nimmt die neue Achterbahn auf. 61 Grad beträgt das maximale Gefälle der 60 Meter hohen Bahn, die maximale Querneigung liegt bei 67 Grad.
Eine solches Projekt sei eigentlich "gegen jede Logik", meint Helmut
Nothing, seit 20 Jahren für die Planung neuer Fahrattraktionen im Heidepark zuständig. Bahnen aus Stahl seien schneller und kostengünstiger zu errichten. Für Holz spreche die Optik und die nostalgische Note, ergänzt Nothing und vergräbt die Hände tiefer in den Taschen.
Bislang sind Holzachterbahnen stets von US-Amerikanern errichtet worden. In Soltau zeichnet erstmals eine europäische Firma verantwortlich. "Das ist eine immense Herausforderung", sagt Ulf Cordes von der gleichnamigen Holzbaufirma in Rotenburg/Wümme. Die passgenaue Kalkulation sei sehr schwierig, zumal unklar sei, wie viel Material benötigt werde. Schätzungen gibt es immerhin: rund 3000 Kubikmeter Kiefernholz aus der Nähe von Lüneburg, acht Tonnen Nägel, 80 Tonnen Schrauben und Muttern sowie 3800 Kubikmeter Beton für das Fundament.
Mit ungewöhnlichen Bauwerken hat der 35-jährige Ingenieur Cordes schon Erfahrungen gesammelt. Seine Firma war maßgeblich an der Errichtung des weltgrößten Holzdachs auf dem Expo-Gelände in Hannover beteiligt. Auch "Colossos" in Soltau ist beispielgebend: Mitte Februar wollen sich 500 Unternehmer aus der Baubranche das deutschlandweit einzigartige Projekt ansehen.
Die filigranen Holzbalken, die sich in den grauen Himmel recken, sind so beeindruckend wie das Zahlenwerk, mit dem Ulf Cordes aufwartet: "Mit dem Holz, das hier benötigt wird, könnte man 700 Dachstühle ausbauen." Für Cordes ist "Colossos" eine gelungene Fusion von Heidepark und heimischem Handwerk. Seit er regelmäßig Bilder von der Baustelle ins Internet stelle, verzeichne er auf seiner Homepage www.cordes-row.de Zugriffe wie nie zuvor. 437 virtuelle Besucher habe er neulich an einem Tag gezählt, sagt er stolz. "Für ein mittelständisches Unternehmen ist das nicht gerade üblich." Sicherheitsbedenken hat Cordes genauso wenig wie Nothing: "Das hält", sagen beide überzeugt. Zum einen werde der TÜV vor der Inbetriebnahme zwei Wochen lang alles gründlich überprüfen, zum anderen gebe es in Ungarn eine Holzachterbahn, die schon seit mehr als 100 Jahren läuft.
Polier Matthias Renken gibt sich angesichts von so viel Schwärmerei ein wenig nüchterner. "Es ist doch egal, ob mir in einer Achterbahn aus Holz oder Stahl schlecht wird, oder?" murmelt er. Dabei haben ihn die luftigen Streben längst in ihren Bann gezogen. Das merkt man in den Momenten, in denen sich der 29-Jährige unbeobachtet glaubt. Dann schreitet er mit einem wohlwollend-stolzen Lächeln über die Baustelle. Natürlich wolle er auch selbst im hölzernen Koloss mitfahren, sagt Renken: "Aber nicht als Erster."
Die Saison im Heidepark Soltau beginnt wieder am 31. März. Geöffnet ist dann täglich zwischen 9 und 18 Uhr. Eine Tageskarte kostet 40 Mark.
JUK
http://www.henson.com/cards/images/everyday_06s.gif
80 Tonnen Schrauben halten "Colossos"
"Noch einen Zentimeter nach rechts!" Fröstelnd zieht Matthias Renken sein Stirnband über die Ohren, um sich gegen die eisige Winterkälte zu schützen. Der 29-jährige Polier justiert sein Nivelliergerät, schiebt den Helm in den Nacken und beobachtet die beiden Arbeiter, die in 15 Meter Höhe einen Holzbalken in einer Verankerung befestigen. "Jetzt einen halben Zentimeter nach links", ruft Renken, "gut so, stopp." Zufrieden lächelnd reibt er sich die kalten Hände. "Alles läuft nach Plan."
Bis Ostern soll im Heidepark Soltau die größte Holzachterbahn der Welt entstehen. "Colossos" heißt das ehrgeizige Projekt, das sich Parkbetreiber Hans-Jürgen Tiemann 45 Millionen Mark kosten lässt. Eine Achterbahn aus Holz sei schon immer sein großer Traum gewesen, sagt der ehemalige Schausteller, der den bunten Freizeitpark 1978 eröffnet hat.
Die Wagemutigen unter den jährlich gut zwei Millionen Besuchern können sich bald nicht nur in der Schweizer Bobbahn oder der Looping-Bahn vergnügen, sondern sich auch in einer Holzachterbahn bei 120 Stundenkilometern den Wind um die Nase wehen lassen. Die anderen Fahrattraktionen im Heidepark bringen es bislang maximal auf eine Höchstgeschwindigkeit von 46 Stundenkilometern. Bis zu 1500 Personen in der Stunde nimmt die neue Achterbahn auf. 61 Grad beträgt das maximale Gefälle der 60 Meter hohen Bahn, die maximale Querneigung liegt bei 67 Grad.
Eine solches Projekt sei eigentlich "gegen jede Logik", meint Helmut
Nothing, seit 20 Jahren für die Planung neuer Fahrattraktionen im Heidepark zuständig. Bahnen aus Stahl seien schneller und kostengünstiger zu errichten. Für Holz spreche die Optik und die nostalgische Note, ergänzt Nothing und vergräbt die Hände tiefer in den Taschen.
Bislang sind Holzachterbahnen stets von US-Amerikanern errichtet worden. In Soltau zeichnet erstmals eine europäische Firma verantwortlich. "Das ist eine immense Herausforderung", sagt Ulf Cordes von der gleichnamigen Holzbaufirma in Rotenburg/Wümme. Die passgenaue Kalkulation sei sehr schwierig, zumal unklar sei, wie viel Material benötigt werde. Schätzungen gibt es immerhin: rund 3000 Kubikmeter Kiefernholz aus der Nähe von Lüneburg, acht Tonnen Nägel, 80 Tonnen Schrauben und Muttern sowie 3800 Kubikmeter Beton für das Fundament.
Mit ungewöhnlichen Bauwerken hat der 35-jährige Ingenieur Cordes schon Erfahrungen gesammelt. Seine Firma war maßgeblich an der Errichtung des weltgrößten Holzdachs auf dem Expo-Gelände in Hannover beteiligt. Auch "Colossos" in Soltau ist beispielgebend: Mitte Februar wollen sich 500 Unternehmer aus der Baubranche das deutschlandweit einzigartige Projekt ansehen.
Die filigranen Holzbalken, die sich in den grauen Himmel recken, sind so beeindruckend wie das Zahlenwerk, mit dem Ulf Cordes aufwartet: "Mit dem Holz, das hier benötigt wird, könnte man 700 Dachstühle ausbauen." Für Cordes ist "Colossos" eine gelungene Fusion von Heidepark und heimischem Handwerk. Seit er regelmäßig Bilder von der Baustelle ins Internet stelle, verzeichne er auf seiner Homepage www.cordes-row.de Zugriffe wie nie zuvor. 437 virtuelle Besucher habe er neulich an einem Tag gezählt, sagt er stolz. "Für ein mittelständisches Unternehmen ist das nicht gerade üblich." Sicherheitsbedenken hat Cordes genauso wenig wie Nothing: "Das hält", sagen beide überzeugt. Zum einen werde der TÜV vor der Inbetriebnahme zwei Wochen lang alles gründlich überprüfen, zum anderen gebe es in Ungarn eine Holzachterbahn, die schon seit mehr als 100 Jahren läuft.
Polier Matthias Renken gibt sich angesichts von so viel Schwärmerei ein wenig nüchterner. "Es ist doch egal, ob mir in einer Achterbahn aus Holz oder Stahl schlecht wird, oder?" murmelt er. Dabei haben ihn die luftigen Streben längst in ihren Bann gezogen. Das merkt man in den Momenten, in denen sich der 29-Jährige unbeobachtet glaubt. Dann schreitet er mit einem wohlwollend-stolzen Lächeln über die Baustelle. Natürlich wolle er auch selbst im hölzernen Koloss mitfahren, sagt Renken: "Aber nicht als Erster."
Die Saison im Heidepark Soltau beginnt wieder am 31. März. Geöffnet ist dann täglich zwischen 9 und 18 Uhr. Eine Tageskarte kostet 40 Mark.
JUK
http://www.henson.com/cards/images/everyday_06s.gif

