Letzte Bearbeitung am 22-Sep-03 um 08:14 Uhr ()Hallo Jan,
ich muss dir in vielen Punkten - teils energisch - widersprechen!
>OK. Laß mich raten. Du arbeitest für einen Zoo.
Falsch geraten.....
>Sehr wohl sind die Freizeitparks im Nachteil.
Und das zu Recht(siehe meine Aussagen weiter oben)
>ZOOs sind nun mal in den meissten Fällen 100ige Tochterunternehmen der Städte, werden >also über Steuergelder finanziert.
Dies stimmt so nun nicht mehr. Die Anzahl der Zoos,die 100%ige Töchter der Städte(als sogennannte "Eigenbetriebe") sind,sinkt kontinuierlich. Von Privatzoos(z.B. Hagenbeck) über Aktiengesellschaften(z.B. Berlin Zoo/Tierpark)zu GmbH´s(z.B.Hannover) ist alles vorhanden. Auch die Hauptanteilseigener sind nicht mehr zwangsläufig die jeweiligen Städte. Vom Bundesland Baden-Würtenberg(Wilhelma) über den "Kommunalverband Großraum Hannover" (Zoo Hannover) bis hin zur Republik Österreich(Tierpark Wien-Schönbrunn,um mal ein Beispiel aus unserem Nachbarland anzubringen). Dass bei den meisten dieser Geschäftsformen ein Teil der Gelder aus der öffentlichen Hand kommt,ist richtig. Jedoch erweckst du in deinem Posting den Eindruck,die Zoos würden ausschließlich aus Steuergeldern finanziert und das ist eindeutig falsch! Die Eigenfinanzierungsquote deutscher Zoos beträgt zwischen 35% und über 90%(von Hagenbecks 100% jetzt einmal nicht zu reden...),d.h. der Anteil an Steuergeldern beträgt zwischen 65% und beinahe Null. Dieser Anteil ist in den letzten Jahren ständig gesunken und Beispiele aus Nachbarländern (z.B. Niederlande) zeigen,dass er auch in Deutschland noch wesentlich weiter gesenkt werden könnte - und mit Sicherheit auch wird. Die meisten Investitionen werden nicht mehr über Steuergelder getragen,sondern über Spenden. So hat z.B. der Kölner Zoo seit 15 Jahren ALLE seine Investitionen in Gehege und Gebäude aus Spendenmitteln getragen.
>Dann
>spenden die Leute in ihrem Größenwahn auch noch und zahlen oben drauf noch Eintritt.
>Aus meiner Sicht gehören die Tiere in die freie Wildbahn und in keinen Zoo!
Ob Tiere in (Zoo-)Gehegen vor dem Aussterben gerettet werden sollten,oder lieber "in Würde aussterben sollten" (dieser Satz - ein sehr populäres Schlagwort der Zoogegner ist schon in sich selbst ein Widerspruch. Aussterben und Würde hat nun wirklich gar nichts miteinander zu tun!),ist eine Diskussion,die so verzwickt und emotional ist,dass sie hier schlecht geführt werden kann. Eine Grundsatzdiskussion über dieses Thema würde jeden Rahmen hier sprengen. Ich gebe gerne zu,dass es für deine Sichtweise durchaus Argumente gibt,halte dir aber entgegen,dass die Argumente für die Meine,die plausibleren sind. Aber gut - jedem das seine......
Was ich jedoch absolut nicht unwidersprochen so stehen lassen kann,ist die Unterstellung von "Größenwahn" denen gegenüber,die sich finanziell,als auch ideell für Zoos und ihre Aufgaben einsetzen. Dies ist ein unverschämter Affront aus der Ecke eines Unternehmens,dem es ja eigentlich nur darum geht,die eigenen Taschen zu füllen,gegenüber Menschen,die idealistisch ein "höheres" Ziel unterstützen. Und vielleicht solltest du dir auch mal die Frage stellen,warum die Zoos subventioniert werden. Vielleicht nicht auch deswegen,weil der Eintritt so niedrig gehalten werden soll,um es auch einer ganzen Familie zu gestatten,einen Zoo zu besuchen?
Vergleichen wir doch mal die Eintrittspreise von Belantis und zweier (benachbarter)Zoos:
Belantis: / Zoo Leipzig: / Zoo Halle:
Erwachsene: 17€ / 9€ / 4,50€
Kinder: 15€(bis 1m frei) / 5€(4-14Jahre) / 2€(4-17Jahre)
Familien(2Eltern,3Kinder): 68€ / 21€ / 11€
(Anmerkung: Der Zoo Leipzig ist der nächstgelegene Zoo. Der Zoo Halle entspricht in Bezug auf seine Größe in der Zoowelt etwa Belantis bei den Freizeitparks - Preise laut jeweiliger Homepage)
Dies soll keine Wertung pro/contra Zoo oder Freizeitpark sein,sondern nur erklären,daß der Eintrittspreis in Zoos durch die Subventionierung künstlich niedrig gehalten wird,um auch Familien mit geringen Einkommen den Eintritt zu ermöglichen - Familien ,die sich einen Tag Belantis niemals leisten könnten! Im Übrigen werden Oper und Theater,Museen und ähnliche kulturelle Einrichtungen von öffentlicher Hand DEUTLICH höher subventioniert. So wurde Mitte der 90er etwa ein Operneintritt ca. 7-9 Mal so hoch subventioniert,wie ein Zooeintritt. Trotzdem reicht das Geld bei diesen Bühnen hinten und vorne nicht,so dass es auch hier Fördervereine gibt. Unterstellst du DEREN Mitgliedern auch "Größenwahn"?
Darüber hinaus erfüllen die Zoos (und das ist der wichtigste Punkt für eine öffentliche Förderung!) Aufgaben FÜR die Gemeinschaft ALLER Bürger,als auch hohe kulturelle,wissenschaftliche,arten- und naturschützerische,bildungspolitische Aufgaben,die z.B. Belantis nicht/nur teilweise leistet. Nach den direkten oder indirekten Subventionen,die bereits für Belantis geflossen sind oder noch fliessen(Autobahnanschluss)frage ich jetzt mal nicht. Ich wette aber,daß z.B. für den ursprünglich mal geplanten Themenbereich "Braunkohlenutzung und Folgelandschaft" Investitionen fliessen würden - übrigens zu Recht,falls hier nämlich tatsächlich die Information über diese kulturgeschitchliche Epoche im Vordergrund steht....
Ich erwähne aber gern nochmal ausführlich die Punkte,die FÜR eine öffentliche Förderung von Zoos sprechen:
- Der Zoo als Ort der wissenschaftlichen Forschung: Ein Großteil des Wissens,das wir über Tiere haben entspringt eben nicht den berühmten Feldforschern "vor Ort",sondern der wissenschaftlichen Arbeit in Zoos. Nicht umsonst war einer der bekanntesten Tierfilmer/-forscher, Bernhard Grizmek, "auch" Direktor des Frankfurter Zoos. Jeder Tierpark,der den Status "Zoo" bekommen möchte,muss einen wissenschaftlich ausgebildeten Direktor vorweisen(Tierarzt/Biologe). Heutzutage geht die wissenschaftliche Erforschung twischen den Kollegen in freier Wildbahn,in der Zoo- und in der Universitätsforschung Hand in Hand.
- Der Zoo als Ort der Wissensvermittlung: In jedem deutschen Zoo gibt es eine Zooschule mit eigenen Lehrern. Zooausflüge von Schulklassen dienen eben nicht nur der Bespassung von Kindern,sondern auch dem Unterricht. Sie sind Bestandteil der Lehrpläne der jeweiligen Kultusministerien. Des weiteren wird über Ausstellungen,Gehegeschilder und Publikationen ausserschulische Bildung betrieben.
- Der Zoo als kulturelle Einrichtung: Neben auch kulturellen Informationen (s.o.) gibt es in den meisten älteren Zoos viele Gebäude/Gehege,die unter Denkmalschutz stehen. Als häufig bereits im vorletzten Jahrhundert entstandene Einrichtungen (der Zoo Wien-Schönbrunn feierte jüngst sein 250jähriges Bestehen und auch die meisten deutschen Zoos haben den 100. schon längst hinter sich),sind die Zoos selbst Bestandteile der Kulturgeschichte der jeweiligen Städte(das gilt ja auch z.B. für Freizeitparks,wie Tivoli,Prater etc.). Darüberhinaus haben auch viele Zoos kulturhistorische Schwerpunkte(ad hoc fallen mir da Osnabrück,Straubing und Hoyerswerda ein - es gibt aber noch andere)
Nicht zu vergessen das Westfälische Pferdemuseum im Zoo Münster......
Der Zoo als Ort des Natur-/Artenschutzes: Außer einigen eher dubiosen Vereinigungen,arbeiten alle großen Natur- und Artenschutzorganisationen mit den Zoos sehr befruchtend zusammen. Sie haben sich sogar teilweise in den Zoos angesiedelt(wie z.B. die ZGAP -
http://www.zgap.de/ ) oder wurden von Zoos gegründet. Jeder größere (und viele kleine) deutsche Zoo hat Patenprojekte im Inland und Ausland,für die sie finanzielle ,informatorische,ideelle und vor allem auch praktische Hilfe leisten(z.B. durch Ausbildung von einheimischen Mitarbeitern der Naturschutzorganisationen vor Ort). Leider liegt der Werbeetat der Zoos,mit dem sie für diese Aufgaben werben,WEIT unter dem von diversen Schreihalsorganisationen.
Beispiele von gelungen Artenschutz gibt es viele. So wurden bereits diverse Tierarten gerettet UND wieder ausgewildert,nachdem in ihrer Heimat Schutzzonen errichtet wurden. Vom ersten Projekt dieser Art,in das Zoos involviert wurden (der Rettung des amerikanischen Bisons) bis hin zu Löwenäffchen,Mendesantilopen gibt es mittlerweile eine dreistellige Anzahl sog. "Flagschiffarten",die dem Austerben "in Würde" entgangen sind und wieder eine diesmal sichere Zukunft in neuen Schutzgebieten ihrer alten Heimat gefunden haben. Darüberhinaus profitieren Abertausende von kleinen Fröschen,Insekten und nicht so bunten Vögeln von der Ausweisung neuer Naturschutzgebiete für diese Flagschiffarten. Dies passiert aber nicht nur in Brasilien,Indonesien oder der Mongolei,sondern auch in Deutschland. Hier stellen Zoos jedes Jahr Dutzende Vögel,europäische Otter,Wildkatzen etc. zur Verstärkung der heimischen Populationen zur Verfügung. Diese werden in den Zoos nachgezüchtet und dann B.U.N.D.,Nabu,Greenpeace und anderen zur Auswilderung zur Verfügung gestellt. Auch Projekte zur Neuansiedlung von z.B. Luchsen oder Wölfen werden von zoogeborenen Tieren verstärkt. Und sollten sich irgendwann einmal die Verhältnisse in Afrika so ändern,dass z.B. Gorillas in Schutzgebieten sicher leben könnten,wären zur Stärkung der Population bzw. zum Neustart Zootiere vorhanden. Und um ein weitverbreitetes Missverständnis aufzuklären: Tiere,die im Rahmen von Artenschutzprojekten geboren werden,gehören nicht mehr den Zoos,sondern deren Heimatstaaten,die Naturschutzgebiete für diese Arten ausweisen.
- Last but not least ermöglicht die öffentliche Förderung auch Menschen mit geringem Einkommen einen Besuch der Zoos und damit Information und Teilnahme an obengenannten Aufgaben......
All dies trifft nur vereinzelt,meist aber gar nicht auf Freizeitparks zu.
Ich möchte hier keine Kampagne gegen Freizeitparks starten. Ich bin selber ein großer Parkfan - sonst wäre ich auch selber gar nicht im FZPW und FKF aktiv. Auch hat mir BELANTIS vom Konzept her sehr gefallen(ich war leider noch nicht in der Lage Belantis zu besuchen - wird aber nachgeholt). Aber es kann nicht angehen,daß ein Mitarbeiter(noch dazu der Öffentlichkeitsabteilung) eines Parks,Menschen verunglimpft,die sich FÜR etwas Positives einsetzen. Dafür gibt es von mir ein - IMHO gerechtfertigtes - Abwatschen!
>Viel Spaß im Zoo.
Der einzige Satz dieses Postings,den ich ohne Wenn und Aber unterschreiben würde - obwohl er wahrscheinlich - leider - anders gemeint war
mit tierischen Grüßen
Brunos Zoo-Check