Aus der Süddeutschen Zeitung vom 25.03.2000:
[h6]Ein Jahr nach der Eröffnung steckt das Projekt tief in den roten Zahlen[/h6]
[h3]Gibt Olympic Spirit den Geist auf?[/h3]
Aus dem ehemaligen Radstadion wurde ein "Erlebniszentrum", doch es kommen viel weniger Besucher als erwartetVon Berthold Neff Die Hoffnungen waren riesengroß, als Olympic Spirit vor genau einem Jahr als weltweit erstes interaktives Erlebnismuseum rund um den olympischen Sport im Radstadion von 1972 an den Start ging. 800 Gäste, allen voran IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch, feierten zusammen mit 25 Olympiasiegern (darunter Skistar Rosi Mittermaier und Reiter-Legende Hans Günther Winkler), und Investor Ekkehard Streletzki versprach: "Hier wird ausschließlich der positive olympische Geist wehen."
Ein Jahr danach kreist der Pleitegeier über dem Vorzeigeobjekt. Der Betrieb für dieses Jahr war nur durch eine satte Geldspritze von 6 Millionen Mark zu sichern. Weil noch nicht absehbar ist, wann die Olympic Spirit Sport-Erlebnismuseum-Center GmbH aus den roten Zahlen kommt, werden die beiden Partner - Investor Streletzki und die Landeshauptstadt München, der über die Olympiapark GmbH 51 Prozent der Anteile gehören - wohl auch in den nächsten Jahren noch kräftig nachlegen müssen. Am kommenden Montag wollen die Verantwortlichen auf einer Pressekonferenz erläutern, welchen Ausweg sie aus der Misere vorschlagen.
Das finanzielle Fiasko deutete sich bereits im vorigen Sommer an. Viel weniger Besucher als geplant zog es in das für 75 Millionen Mark umgebaute Radstadion, um in einem Simulator am eigenen Leib zu verspüren, wie es ist, wenn man die halsbrecherische Bob-Bahn von Nagano durchrast, mit den Ski von der Sprungschanze abhebt oder im Action-Kino bei der Kanu-Slalomfahrt durchs Wildwasser per Hydraulik gut durchgeschüttelt wird. Statt der angepeilten 500 000 Besucher kamen allenfalls 200 000, so dass der Geschäftsführer Roland J. Kleve bereits im Herbst gehen musste. Wilfried Spronk, der Boss der höchst erfolgreichen Olympiapark-GmbH, übernahm kommissarisch das Kommando.
Zusammen mit den Partnern und dem Aufsichtsrat gibt er Olympic Spirit drei Jahre Zeit, um endlich in die Gänge zu kommen. Spronk: "Wir glauben nach wie vor an dieses Projekt." Angesichts der Anlauf-Schwierigkeiten trösten sich die Beteiligten damit, dass ähnliche Projekte - etwa Eurodisney in Paris - ebenfalls Mühe hatten, sich auf die Schnelle zu etablieren.
Olympiapark-Pressesprecher Arno Hartung sagt, man wolle Olympic Spirit nun ebenso gut vermarkten wie die anderen olympischen Anlagen Münchens, die weltweit als Paradebeispiel dafür gelten, wie man Sportstätten auch nach den Olympischen Spielen optimal nutzt. Trotz des eher schleppenden Beginns in München hätten bereits andere Städte - etwa Sydney - beim IOC Interesse signalisiert, ähnliche Erlebnis-Zentren bauen zu dürfen.
Warum der Münchner Erlebnispark bisher ein Flop ist, obwohl er es dem Publikum ermöglicht, den Spitzensport aus der bisher noch nicht erlebbaren Perspektive der Sportler zu erleben, können sich die Beteiligten nicht so recht erklären. An den Eintrittspreisen liegt es Hartung zufolge nicht. Diese seien keineswegs höher als bei vergleichbaren Einrichtungen. Andererseits: Für einen Besuch in der olympischen Welt zahlt eine vierköpfige Familie 69 Mark, die Einzelkarte für Erwachsene kostet 24 Mark, für Kinder ab einer Größe von 1,20 Meter und bis zu 12 Jahren immerhin 18 Mark. Die Basis-Karte ist mit 10 Mark vergleichsweise preiswert, berechtigt aber nicht zur Ausübung der attraktivsten Hauptsportarten.
Inzwischen ist der Bereich, in dem sich die Kleinkinder unter 1,20 Meter (bei kostenlosem Eintritt) austoben können, fertig gestellt. Sehr zufrieden ist man auch mit den Event-Veranstaltungen in einer eigens angebauten Halle, die gerne von Firmen für die Unterhaltung ihrer Geschäftskunden genutzt wird. Viel verspricht man sich auch von der Idee, Schulklassen bei Fair-Play-Wettbewerben gegeneinander antreten zu lassen.
Der Zeitlupen-Start von Olympic Spirit ist nicht nur für die Erfolg gewöhnte Olympiapark GmbH, sondern auch für Investor Ekkehard Streletzki eine eher ungewohnte Erfahrung. Der 60-jährige gelernte Bau-Ingenieur, dessen Karriere in München begann, wo er aus einem kleinen Statik-Büro einen Mischkonzern zimmerte, wurde erst kürzlich zum Hotelier des Jahres 2000" gekürt. Er hat schließlich neben einem Schrottplatz in Berlin-Neukölln nichts Geringeres als Deutschlands größtes Hotel aus dem Boden gestampft, mit Anlegestelle, eigenem Bahnhof und dem höchsten Umsatz aller Berliner Hotels (Wahlspruch: "Vier-Sterne-Luxus zum Zwei-Sterne-Preis"). Optimisten hoffen, dass er mit seiner Münchner Investition doch noch einen ähnlichen Erfolg landet - und sich und der Stadt eine Millionen-Pleite erspart.
Stefan A. Michelfeit -
www.ridesonline.de"Wir werden - einfach ausgedrückt - weniger, älter und bunter." (H. Rech IM BW)