Artikel Kernwasser Wunderland
Aus der Berliner Zeitung:
Im Wunderland
In Kalkar gab es ein Atomkraftwerk. Dann kam der Holländer Hennie van der Most und machte aus dem "Schnellen Brüter" einen Vergnügungspark
Susanne Frömel
KALKAR, im November. Wenn man aus dem Hotelfenster blickt, sieht man die Berge. Das ist ein wenig überraschend, weil die Landschaft am Niederrhein eher flach ist, hauptsächlich aus Wiesen besteht, unterbrochen vom Rhein natürlich und da und dort von einem Fachwerkhaus. Hier ist das anders. Man sieht schneebedeckte Gipfel auf grauem Gestein, wuchtige Bergkämme vor blauem Himmel und man könnte schwören, dass gelegentlich ein Gamsbock um die Ecke schaut.
Es scheint, als könnte man an dem Gebirge entlanggehen. Man kann das Gebirge aber auch einfach ignorieren und zur ägyptischen Empfangshalle gehen, wo das Firmament genauso blau ist und die Sterne kleine Glühbirnen sind, die im Pappmaschee stecken. Dort stößt man auf die Treppe zum Keller und kann hinuntergehen zu "Kernie’s Kneipenstraße", wo es nach altem Bier und Zigarettenqualm riecht. Geht man weiter, kann man Saloontüren aufstoßen und im "Western Saloon" mit Lasergewehren auf Mexikaner-Puppen schießen, die sich mit Wasserpistolen wehren. Und geht man wieder nach oben, dann sind die Alpen immer noch da.
Eis und Pommes
Die Alpen sind da, weil der Holländer Hennie van der Most eines Tages auf die Idee kam, ein Atomkraftwerk zu kaufen und daraus einen Freizeitpark zu machen, das "Kernwasser Wunderland". Da der Kühlturm der Anlage grau und hässlich aussah, sogar ein wenig bedrohlich, ließ Hennie van der Most Berge daraufmalen und strahlend blauen Himmel und an die Außenwand Klettervorrichtungen montieren, damit man dort unter Aufsicht hinaufklettern kann. Ganz oben hat man dann einen herrlichen Ausblick zu den Karussells, den Pommesbuden, der Gokart-Bahn und den beiden Reaktortürmen.
Nur entscheiden müsste man sich jetzt. Entscheiden, ob es einem gefällt, dass aus einem Atomkraftwerk ein Vergnügungspark geworden ist, weil ein Atomkraftwerk an sich ja nichts Vergnügliches ist. Man könnte auch überlegen, was in dreißig Jahren wird, wenn deutsche Atomkraftwerke womöglich vom Netz gehen. Dann müsste man das "Kernwasser Wunderland" betrachten und feststellen, dass Hennie van der Most mit seinem Versuch, aus etwas sehr Hässlichem etwas Schönes und Profitables zu machen, Erfolg hat. Weil er aus Kalkar einen Witz gemacht hat, eine Groteske, die nichts mehr vom Streit um das Atomkraftwerk erahnen lässt, weil van der Most, wenn man so will, die Geschichte einfach übermalt hat. Mit solchen Gedanken würde man hier aber nicht sehr weit kommen. Denn natürlich haben die Menschen an dem Atomkraftwerk ihre Freude. Aus den Lautsprechern des "Kernwasser Wunderlandes" dringt sanfte Schlagermusik und die Besucher stehen Schlange vor den Selbstbedienungs-Eismaschinen, aus denen so wenig Softeis quillt, dass das Hörnchen immer nur halb voll wird.
Es geht also hauptsächlich um Spaß und darum, dass man für 27,50 Mark Eintritt möglichst viel bekommt für sein Geld. Mit der Achterbahn fahren oder mit der Wildwasserbahn, am Reaktorturm ein paar Runden mit dem Kettenkarussell drehen und davor und danach so viel Eis und Pommes essen wie man möchte. Gelegentlich finden auch alte Atomgegner ihren Weg hierher, um zu sehen, was aus dem Kernkraftwerk, gegen das sie gekämpft haben, geworden ist.
Als Bruno Schmitz zum ersten Mal zwischen den Karussellanlagen stand, hatte er ein komisches Gefühl. "Das ist so ein Ding zwischen genial und scheiße", sagte er. "Aber immer noch besser, als wenn Kalkar ans Netz gegangen wäre." Bruno Schmitz ist 54 Jahre alt, Atomkraftgegner und Kabarettist. Man könnte ihn sich leicht in einem alten R 4 vorstellen, wie er über die Landstraße Richtung Kalkar fährt, auf der Heckklappe einen gelben Aufkleber mit der Aufschrift "Atomkraft - nein danke!" und auf dem Beifahrersitz einen Stapel selbst beschriebener Plakate. Sein Haar trägt er ganz kurz und grau. Er hat sich äußerlich sehr verändert seit dem Baubeginn in Kalkar in den frühen siebziger Jahren. Allerdings nicht so sehr wie das Kraftwerk selbst.
Bruno Schmitz stand am Zaun, als 1972 der erste Spatenstich für den schnellen natriumgekühlten Brutreaktor SNR 300 von Kalkar gemacht wird. "Der Schnelle Brüter galt damals ja als Allzweckwaffe gegen die Angst vor der Energiekrise", sagt er. "Wir waren wohl die Einzigen, die nicht daran geglaubt haben." Man muss an dieser Stelle kurz erklären, warum das Projekt Kalkar damals klang, als sei Prometheus mit seiner Fackel zum zweiten Mal auf die Erde zurückgekehrt. Im SNR 300 sollte mit Natururan gearbeitet werden. Aus Natururan wiederum, mit sehr schnellen Neutronen beschossen, entsteht Plutonium 239, ein leicht spaltbarer Stoff. Während dieser "Brutprozess" in herkömmlichen Leichtwasserreaktoren zwar ebenfalls stattfindet, aber diese Reaktoren weit mehr Plutonium verbrauchen, als sie durch die Anreicherung von Natururan zu Plutonium herstellen konnten, schien der "Schnelle Brüter" ein Paradies für jeden Energieminister.
Die Anlage in Kalkar sollte nicht nur Strom erzeugen, sondern über die Dauer ihrer Laufzeit auch noch bis zu dreißig Prozent mehr Plutonium erzeugen als die Anlage verbrauchte. Strom, der praktisch kostenfrei, ja, sogar Gewinn bringend war. "Der Bau sollte damals nur 310 Millionen Mark kosten", sagt Bruno Schmitz. "Dabei hätte allen klar sein müssen, dass das eine Illusion ist."
Die Illusion zerplatzte bald. "Die Studien sind dann relativ schnell aufgetaucht. Ich habe mich immer gewundert, dass die trotzdem weitergebaut haben." Plötzlich war von Prometheus nicht mehr die Rede. Es hieß, der "Schnelle Brüter" sei zwar billig, aber zehnmal so gefährlich wie andere Kernkraftwerke. Weil das Kühlmittel Natrium leicht brennbar sei und bei Kontakt mit Wasser explodiere und außerdem in Verbindung mit Verunreinigungen Korrosion bewirke, sich durchfresse.
Klagen und Diskussionen
Bruno Schmitz verteilte Flugblätter an die Bevölkerung, dann gründete er die "Bürgerinitiative Stopp Kalkar". Einige Demonstranten reichten Musterklagen gegen den Brüter ein und verzögerten die Fertigstellung Monat um Monat. 1991 wurde der "Schnelle Brüter" von Kalkar endgültig abgeschrieben. Der damalige Forschungsminister Heinz Riesenhuber befand, dass der Reaktor veraltet und unsicher sei. Wer von Kalkar sprach, benutzte nur noch ein Wort: Milliardengrab. Schmitz widmet sich fortan der Bekämpfung von Pershing-Raketen und Cruise-Missiles.
Es gab Diskussionen, was man mit der Bauruine anfangen sollte. Manche fanden, man solle das Kernkraftwerk einebnen und wieder zur Wiese werden lassen wie früher. "Oder ein Mahnmal daraus machen, für verfehlte Industriepolitik. Das hätte ich auch gut gefunden", sagt Bruno Schmitz. Dann kam Hennie van der Most. Der hatte Erfahrung im Geschäft mit ungewollten Immobilien. In Holland hatte der ehemalige Schrotthändler bereits eine ehemalige Kartoffelfabrik und ein Krankenhaus zu Konferenz- und Hotelkomplexen umbauen lassen. Van der Most kaufte das Acht-Milliarden-Mark-Experiment von Kalkar für zwei Millionen Mark und machte daraus das "Kernwasser Wunderland".
Dort hängt nun der Gestank des Rheinwassers in der Luft und der von Frittenfett. In der Mittagszeit, immer von zwölf bis vierzehn Uhr, ist das Gelände beinahe menschenleer. Dann ist Essenszeit. An dem Büfett im Haupthaus der ehemaligen Kraftwerksfeuerwehr drängen sich die Touristen und häufen Gulasch und Nudeln auf kleine Teller. Es ist kein schöner Anblick, darum geht man währenddessen besser draußen im Kühlturm spazieren. Hennie van der Most hat in dessen Mitte eine Betonplatte aufziehen lassen. Dort hat man durch die Form des Turmes eine besonders gute Akustik, eine Art fünffaches Echo. Als neulich ein japanisches Fernsehteam in Kalkar auftauchte - die Japaner haben ein baugleiches Atomkraftwerk in ihrem Land -, musste der Pressesprecher vom "Kernwasser Wunderland" eine ganze Weile auf- und abhüpfen, weil den Japanern der Klang der zurückschwappenden Schritte so gut gefiel. Bald soll im Kühlturm ein Heißluftballon Platz finden, der dann oben aus dem Turm herausfahren könnte wie eine versteckte Überraschung und den Leuten eine noch bessere Aussicht böte. Ein Kernkraftwerk als Wundertüte. Vieles im "Kernwasser Wunderland" wirkt, als hätte jemand nicht richtig nachgedacht, vor allem die Besucher, die herumgehen und sagen, "also, am besten gefällt uns eigentlich, dass alles umsonst ist, vor allem das Eis." Selbst das Maskottchen wirkt unüberlegt: "Kernie" soll einen Atomarbeiter darstellen, in blauer Montur und mit Mütze, nur sein Kopf ist verformt wie eine plattgepresste Birne und strahlt orange.
Kicker und Sumo-Ringen
Und doch, das "Kernwasser Wunderland" läuft gut. "Herr van der Most ist ein Visionär", sagt der Pressesprecher und zeigt über das Gelände, wo Bagger an den Reaktortürmen kratzen. Die Türme sollen noch ausgebaut werden, für Hotelgäste, der große Reaktorraum dahinter wird gerade entkernt. In siebzehn Meter Höhe soll dort eine Spielstadt entstehen. Man hofft, dass die große Hotelanlage irgendwann nicht mehr reichen wird, mit dem Minigolfplatz und den Tagungsräumen, die nach anderen Atomkraftwerken benannt sind: Biblis, Würgassen, Grundremmingen.
Bei Firmen und großen Unternehmen ist das "Kernwasser Wunderland" sehr beliebt, wahrscheinlich, weil unter den Konferenzräumen gleich "Kernie’s Kneipenstraße" liegt und im Prospekt steht: "Außerdem organisieren wir gegen Aufpreis lebendiges Kickerspielen und Sumo-Ringen." Fünfhunderttausend Menschen sind in diesem Jahr schon in das "Kernwasser Wunderland" gekommen, der Pressesprecher kann zufrieden sein. Auch die Grünen gehörten schon zu den Gästen. Im Reaktorrraum, dem Kern allen Übels also, haben sie einmal einen Parteitag abgehalten und der Pressesprecher sagt, sie hätten das alles lustig gefunden und skurril mit den Karussells und den Pommesbuden.
Für Bruno Schmitz müsste das "Kernwasser Wunderland" eigentlich ein Triumph sein. Ganz zufrieden ist er aber nicht. Irgendwann, wenn Geschichte und Realtität sich angeglichen haben, werde man glauben, dass das Kernkraftwerk von Kalkar eigens für den Freizeitpark gebaut worden sei, sagt Bruno Schmitz. Der Pressesprecher hat ein anderes Problem. "Ich fände es ganz gut", sagt er, "wenn der Name des Parks geändert würde. Weil Kernwasser an sich doch eine hoch giftige Angelegenheit ist."
Berliner Zeitung
Viele Gruesse :-wink2
Doozer
Im Wunderland
In Kalkar gab es ein Atomkraftwerk. Dann kam der Holländer Hennie van der Most und machte aus dem "Schnellen Brüter" einen Vergnügungspark
Susanne Frömel
KALKAR, im November. Wenn man aus dem Hotelfenster blickt, sieht man die Berge. Das ist ein wenig überraschend, weil die Landschaft am Niederrhein eher flach ist, hauptsächlich aus Wiesen besteht, unterbrochen vom Rhein natürlich und da und dort von einem Fachwerkhaus. Hier ist das anders. Man sieht schneebedeckte Gipfel auf grauem Gestein, wuchtige Bergkämme vor blauem Himmel und man könnte schwören, dass gelegentlich ein Gamsbock um die Ecke schaut.
Es scheint, als könnte man an dem Gebirge entlanggehen. Man kann das Gebirge aber auch einfach ignorieren und zur ägyptischen Empfangshalle gehen, wo das Firmament genauso blau ist und die Sterne kleine Glühbirnen sind, die im Pappmaschee stecken. Dort stößt man auf die Treppe zum Keller und kann hinuntergehen zu "Kernie’s Kneipenstraße", wo es nach altem Bier und Zigarettenqualm riecht. Geht man weiter, kann man Saloontüren aufstoßen und im "Western Saloon" mit Lasergewehren auf Mexikaner-Puppen schießen, die sich mit Wasserpistolen wehren. Und geht man wieder nach oben, dann sind die Alpen immer noch da.
Eis und Pommes
Die Alpen sind da, weil der Holländer Hennie van der Most eines Tages auf die Idee kam, ein Atomkraftwerk zu kaufen und daraus einen Freizeitpark zu machen, das "Kernwasser Wunderland". Da der Kühlturm der Anlage grau und hässlich aussah, sogar ein wenig bedrohlich, ließ Hennie van der Most Berge daraufmalen und strahlend blauen Himmel und an die Außenwand Klettervorrichtungen montieren, damit man dort unter Aufsicht hinaufklettern kann. Ganz oben hat man dann einen herrlichen Ausblick zu den Karussells, den Pommesbuden, der Gokart-Bahn und den beiden Reaktortürmen.
Nur entscheiden müsste man sich jetzt. Entscheiden, ob es einem gefällt, dass aus einem Atomkraftwerk ein Vergnügungspark geworden ist, weil ein Atomkraftwerk an sich ja nichts Vergnügliches ist. Man könnte auch überlegen, was in dreißig Jahren wird, wenn deutsche Atomkraftwerke womöglich vom Netz gehen. Dann müsste man das "Kernwasser Wunderland" betrachten und feststellen, dass Hennie van der Most mit seinem Versuch, aus etwas sehr Hässlichem etwas Schönes und Profitables zu machen, Erfolg hat. Weil er aus Kalkar einen Witz gemacht hat, eine Groteske, die nichts mehr vom Streit um das Atomkraftwerk erahnen lässt, weil van der Most, wenn man so will, die Geschichte einfach übermalt hat. Mit solchen Gedanken würde man hier aber nicht sehr weit kommen. Denn natürlich haben die Menschen an dem Atomkraftwerk ihre Freude. Aus den Lautsprechern des "Kernwasser Wunderlandes" dringt sanfte Schlagermusik und die Besucher stehen Schlange vor den Selbstbedienungs-Eismaschinen, aus denen so wenig Softeis quillt, dass das Hörnchen immer nur halb voll wird.
Es geht also hauptsächlich um Spaß und darum, dass man für 27,50 Mark Eintritt möglichst viel bekommt für sein Geld. Mit der Achterbahn fahren oder mit der Wildwasserbahn, am Reaktorturm ein paar Runden mit dem Kettenkarussell drehen und davor und danach so viel Eis und Pommes essen wie man möchte. Gelegentlich finden auch alte Atomgegner ihren Weg hierher, um zu sehen, was aus dem Kernkraftwerk, gegen das sie gekämpft haben, geworden ist.
Als Bruno Schmitz zum ersten Mal zwischen den Karussellanlagen stand, hatte er ein komisches Gefühl. "Das ist so ein Ding zwischen genial und scheiße", sagte er. "Aber immer noch besser, als wenn Kalkar ans Netz gegangen wäre." Bruno Schmitz ist 54 Jahre alt, Atomkraftgegner und Kabarettist. Man könnte ihn sich leicht in einem alten R 4 vorstellen, wie er über die Landstraße Richtung Kalkar fährt, auf der Heckklappe einen gelben Aufkleber mit der Aufschrift "Atomkraft - nein danke!" und auf dem Beifahrersitz einen Stapel selbst beschriebener Plakate. Sein Haar trägt er ganz kurz und grau. Er hat sich äußerlich sehr verändert seit dem Baubeginn in Kalkar in den frühen siebziger Jahren. Allerdings nicht so sehr wie das Kraftwerk selbst.
Bruno Schmitz stand am Zaun, als 1972 der erste Spatenstich für den schnellen natriumgekühlten Brutreaktor SNR 300 von Kalkar gemacht wird. "Der Schnelle Brüter galt damals ja als Allzweckwaffe gegen die Angst vor der Energiekrise", sagt er. "Wir waren wohl die Einzigen, die nicht daran geglaubt haben." Man muss an dieser Stelle kurz erklären, warum das Projekt Kalkar damals klang, als sei Prometheus mit seiner Fackel zum zweiten Mal auf die Erde zurückgekehrt. Im SNR 300 sollte mit Natururan gearbeitet werden. Aus Natururan wiederum, mit sehr schnellen Neutronen beschossen, entsteht Plutonium 239, ein leicht spaltbarer Stoff. Während dieser "Brutprozess" in herkömmlichen Leichtwasserreaktoren zwar ebenfalls stattfindet, aber diese Reaktoren weit mehr Plutonium verbrauchen, als sie durch die Anreicherung von Natururan zu Plutonium herstellen konnten, schien der "Schnelle Brüter" ein Paradies für jeden Energieminister.
Die Anlage in Kalkar sollte nicht nur Strom erzeugen, sondern über die Dauer ihrer Laufzeit auch noch bis zu dreißig Prozent mehr Plutonium erzeugen als die Anlage verbrauchte. Strom, der praktisch kostenfrei, ja, sogar Gewinn bringend war. "Der Bau sollte damals nur 310 Millionen Mark kosten", sagt Bruno Schmitz. "Dabei hätte allen klar sein müssen, dass das eine Illusion ist."
Die Illusion zerplatzte bald. "Die Studien sind dann relativ schnell aufgetaucht. Ich habe mich immer gewundert, dass die trotzdem weitergebaut haben." Plötzlich war von Prometheus nicht mehr die Rede. Es hieß, der "Schnelle Brüter" sei zwar billig, aber zehnmal so gefährlich wie andere Kernkraftwerke. Weil das Kühlmittel Natrium leicht brennbar sei und bei Kontakt mit Wasser explodiere und außerdem in Verbindung mit Verunreinigungen Korrosion bewirke, sich durchfresse.
Klagen und Diskussionen
Bruno Schmitz verteilte Flugblätter an die Bevölkerung, dann gründete er die "Bürgerinitiative Stopp Kalkar". Einige Demonstranten reichten Musterklagen gegen den Brüter ein und verzögerten die Fertigstellung Monat um Monat. 1991 wurde der "Schnelle Brüter" von Kalkar endgültig abgeschrieben. Der damalige Forschungsminister Heinz Riesenhuber befand, dass der Reaktor veraltet und unsicher sei. Wer von Kalkar sprach, benutzte nur noch ein Wort: Milliardengrab. Schmitz widmet sich fortan der Bekämpfung von Pershing-Raketen und Cruise-Missiles.
Es gab Diskussionen, was man mit der Bauruine anfangen sollte. Manche fanden, man solle das Kernkraftwerk einebnen und wieder zur Wiese werden lassen wie früher. "Oder ein Mahnmal daraus machen, für verfehlte Industriepolitik. Das hätte ich auch gut gefunden", sagt Bruno Schmitz. Dann kam Hennie van der Most. Der hatte Erfahrung im Geschäft mit ungewollten Immobilien. In Holland hatte der ehemalige Schrotthändler bereits eine ehemalige Kartoffelfabrik und ein Krankenhaus zu Konferenz- und Hotelkomplexen umbauen lassen. Van der Most kaufte das Acht-Milliarden-Mark-Experiment von Kalkar für zwei Millionen Mark und machte daraus das "Kernwasser Wunderland".
Dort hängt nun der Gestank des Rheinwassers in der Luft und der von Frittenfett. In der Mittagszeit, immer von zwölf bis vierzehn Uhr, ist das Gelände beinahe menschenleer. Dann ist Essenszeit. An dem Büfett im Haupthaus der ehemaligen Kraftwerksfeuerwehr drängen sich die Touristen und häufen Gulasch und Nudeln auf kleine Teller. Es ist kein schöner Anblick, darum geht man währenddessen besser draußen im Kühlturm spazieren. Hennie van der Most hat in dessen Mitte eine Betonplatte aufziehen lassen. Dort hat man durch die Form des Turmes eine besonders gute Akustik, eine Art fünffaches Echo. Als neulich ein japanisches Fernsehteam in Kalkar auftauchte - die Japaner haben ein baugleiches Atomkraftwerk in ihrem Land -, musste der Pressesprecher vom "Kernwasser Wunderland" eine ganze Weile auf- und abhüpfen, weil den Japanern der Klang der zurückschwappenden Schritte so gut gefiel. Bald soll im Kühlturm ein Heißluftballon Platz finden, der dann oben aus dem Turm herausfahren könnte wie eine versteckte Überraschung und den Leuten eine noch bessere Aussicht böte. Ein Kernkraftwerk als Wundertüte. Vieles im "Kernwasser Wunderland" wirkt, als hätte jemand nicht richtig nachgedacht, vor allem die Besucher, die herumgehen und sagen, "also, am besten gefällt uns eigentlich, dass alles umsonst ist, vor allem das Eis." Selbst das Maskottchen wirkt unüberlegt: "Kernie" soll einen Atomarbeiter darstellen, in blauer Montur und mit Mütze, nur sein Kopf ist verformt wie eine plattgepresste Birne und strahlt orange.
Kicker und Sumo-Ringen
Und doch, das "Kernwasser Wunderland" läuft gut. "Herr van der Most ist ein Visionär", sagt der Pressesprecher und zeigt über das Gelände, wo Bagger an den Reaktortürmen kratzen. Die Türme sollen noch ausgebaut werden, für Hotelgäste, der große Reaktorraum dahinter wird gerade entkernt. In siebzehn Meter Höhe soll dort eine Spielstadt entstehen. Man hofft, dass die große Hotelanlage irgendwann nicht mehr reichen wird, mit dem Minigolfplatz und den Tagungsräumen, die nach anderen Atomkraftwerken benannt sind: Biblis, Würgassen, Grundremmingen.
Bei Firmen und großen Unternehmen ist das "Kernwasser Wunderland" sehr beliebt, wahrscheinlich, weil unter den Konferenzräumen gleich "Kernie’s Kneipenstraße" liegt und im Prospekt steht: "Außerdem organisieren wir gegen Aufpreis lebendiges Kickerspielen und Sumo-Ringen." Fünfhunderttausend Menschen sind in diesem Jahr schon in das "Kernwasser Wunderland" gekommen, der Pressesprecher kann zufrieden sein. Auch die Grünen gehörten schon zu den Gästen. Im Reaktorrraum, dem Kern allen Übels also, haben sie einmal einen Parteitag abgehalten und der Pressesprecher sagt, sie hätten das alles lustig gefunden und skurril mit den Karussells und den Pommesbuden.
Für Bruno Schmitz müsste das "Kernwasser Wunderland" eigentlich ein Triumph sein. Ganz zufrieden ist er aber nicht. Irgendwann, wenn Geschichte und Realtität sich angeglichen haben, werde man glauben, dass das Kernkraftwerk von Kalkar eigens für den Freizeitpark gebaut worden sei, sagt Bruno Schmitz. Der Pressesprecher hat ein anderes Problem. "Ich fände es ganz gut", sagt er, "wenn der Name des Parks geändert würde. Weil Kernwasser an sich doch eine hoch giftige Angelegenheit ist."
Berliner Zeitung
Viele Gruesse :-wink2
Doozer

