Die Zukunft ist Gebiss
Süddeutsche Zeitung am Dienstag,den 27.11.2001
Im rumänischen Siebenbürgen soll der Fürst der Finsternis einen eigenen Freizeitpark bekommen – aber davor gruselt es den Schässburgern
Es ist noch nicht lange her, da ging Dracula allen Rumänen auf die Nerven. Sprach man die Bewohner des armen Karpatenlandes in Südosteuropa auf den Vampir an, den der Schriftsteller Bram Stoker in seinem gleichnamigen Roman in ihrer Provinz Transsilvanien angesiedelt hat, gab es wegwerfende Antworten: Der Blutsauger habe rein gar nichts mit Rumänien zu tun. Jetzt aber droht die Wende um 180 Grad: Die wendekommunistisch-sozialistische Regierung in Bukarest hat mit dem Untoten Ungutes vor: Ein Dracula-Vergnügungspark soll gebaut werden, und zwar dicht an der beschaulich mittelalterlichen Stadt Schässburg in Siebenbürgen, dem lieblich hügeligen Landstrich in Rumänien, der auch Transsilvanien genannt wird.
Beide Kammern des Parlaments in Bukarest haben dem regionalen Entwicklungsplan zugestimmt. Kaum jemand hat bisher aufbegehrt dagegen, dass der Park in ein Naturschutzgebiet hineingebaut werden soll und dass die verwinkelten Gassen Schässburgs dadurch von hunderttausenden Touristen und kitschigen Plastik-Vampir-Devotionalien überschwemmt werden sollen.
Schässburg, offiziell Sighisoara, hat den kompaktesten mittelalterlichen Stadtkern Rumäniens. Vor zwei Jahren wurden die Altstadt auf dem Burgberg von der Unesco zum Teil des Weltkulturerbes erklärt. Nur unter den nach Deutschland ausgewanderten Siebenbürger Sachsen, die früher in Schässburg gelebt haben, bahnt sich eine Protestaktion in Form einer Unterschriftensammlung an. Ihr Verband, die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen, hat sich aber noch nicht einmal zu einer Stellungnahme durchgerungen, obwohl die Pläne schon seit Monaten bekannt sind. Keinen Ton sagte bisher auch das Deutsche Forum, die politische Vertretung der Deutschen in Rumänien.
Vor Ort hatten nur die evangelischen Pfarrer der Sachsen Einwände. Ungeschickterweise allerdings gegen die angebliche Gefahr des Vampirismus und Satanismus – als ob dies das größte Problem wäre.Ungestört präsentierte folglich Tourismusminister Dan Matei Agathon seinen Schand-Plan kürzlich in einer triumphalen Show in Schässburg, die an politische Propaganda-Spektakel aus der längst vergangen geglaubten Ära Ceausescu erinnern ließ. Die Geistlichen der rumänisch-orthodoxen Kirche, die zunächst auch vor dem gottlosen Satanismus gewarnt hatten, besannen sich auf ihre traditionelle Staats- und Regierungstreue und sprachen für den Vampirpark ein Segensgebet. 3600 Schässburger sollen sich auf einer Unterschriftenliste für den Park ausgesprochen haben. Zwar erklärte sich der Minister offen für Diskussionen und kündigte - post festum - eine Meinungsumfrage vor Ort an. Aber im Prinzip blieb die Drohung stehen: „Wir wollen dem Grafen Arbeit geben und dies werden wir in unserem Vergnügungspark bis zum Überdruss tun.“
Bis zum Überdruss hat Minister Agathon wiederholt, dass der Park immerhin 3000 neue Arbeitsplätze in die Region bringen werde. Von den 30 000 Einwohnern sind offiziell sechs Prozent arbeitslos, inoffiziell 30 bis 40Prozent. Die erwarteten Einnahmen von jährlich 27Millionen US-Dollar sollen zu 51Prozent der Stadt zugute kommen, für die dringend notwendige Renovierung der einsturzgefährdeten Altstadt.
Günstig sei auch, dass in 50 und 100 Kilometer Entfernung je ein Flughafen vorhanden sei. Die Baukosten von etwa 31,5 Millionen US-Dollar will der Minister durch Kredite und Obligationen beschaffen. Für die Planung wurde das deutsche Unternehmen Western-Stadt Pullman City gewonnen. Bauplatz ist die so genannte Kahle Breite, ein Hochplateau in zwei Kilometer Luftlinie von der Burg. Auf 60Hektar sollen sich eine „Horror-Burg“, ein Golfplatz, und ein Lunapark entfalten. Vom Vampir versprechen sich die Planer jährlich eine Million Besucher – ein Albtraum für die Kleinstadt, in der schon die derzeit 300 Touristen pro Tag in der Hochsaison Aufmerksamkeit erregen. Sorgen bereitet zudem das ökologische Gleichgewicht auf der Kahlen Breite. Dort stehen 582 mehrere hundert Jahre alte Eichen, derzeit lauschiges Ausflugsziel für Liebespaare. Wer dort bauen will, müsse das feuchte Erdreich trockenlegen, meint der aus Schäßburg stammende Münchner Bauingenieur Hermann Letz. Dies würde das Leben der Eichen verkürzen.
Der Bezug Schässburgs zum Dracula-Vorbild, dem rumänischen Fürsten Vlad Tepes aus dem 15.Jahrhundert, ist äußerst vage. Fest steht nur, dass der Vater von Tepes, Fürst Vlad, in Schässburg vier Jahre im Exil zugebracht hat. Er trug den Beinamen Draculea, weil er einem Drachenorden angehörte, der sich dem Kampf gegen das Osmanische Reich verschrieben hatte. Wo genau Vlad Draculea gewohnt hatte, ist unbekannt. Das Restaurant „Dracula-Haus“ wird den Touristen als seine Herberge dargestellt, obwohl es 200 Jahre nach seinem Tod von den Nachfahren der im 12.Jahrhundert eingewanderten Sachsen als Heim für mitellosen Frauen gebaut wurde.
„Schässburg ist ein Schmuckstück. Wir brauchen gemäßigten Kulturtourismus. Wozu haben wir die Identifizierung mit Dracula nötig? Das ist doch eine historische Lüge“, ereifert sich der Schässburger Bildhauer Helmut Fabini. Wozu Dracula? Anders als andere Länder hat Rumänien keine Identität auf der Ebene gefälliger Klischees. Denkt man an Ungarn, fallen einem Csardas, Gulasch und Tokayer ein, zu Österreich Lippizaner, Knödel und Walzer, ja sogar zum entlegenen Lappland immerhin noch ein Rentier. Rumänien hat außer Dracula kein Etikett. Allenfalls politisch Gebildete assoziieren das Land mit dem 1989 gestürzten kommunistischen Diktator Nicolae Ceausescu, der das Thema Dracula für tabu erklärte, um Parallelen zu seiner blutsaugerischen Politik auszuschalten.
Jetzt also soll das Romangespenst all das wieder wettmachen, was das Land in den letzten 20Jahren in der Fremdenverkehrspolitik versäumt hat. Holprige Straßen, trostlose Hotels und zum Teil deprimierend verschmutzte Landschaft haben die Auslandstouristen vertrieben. Unterdessen fliegen die Träume des Schässburger Rathauschefs Danesan ins Märchenhafte. Befürchtungen, dass mit dem Dracula-Park die Konsumgüterpreise in seiner Stadt hochschnellen würden, hält er entgegen: „In Monte Carlo ist dies auch passiert und trotzdem geht es allen glänzend“.
Gruss Grobi
http://www.hansapark.de/www/images/hp-logo-de.gif
Im rumänischen Siebenbürgen soll der Fürst der Finsternis einen eigenen Freizeitpark bekommen – aber davor gruselt es den Schässburgern
Es ist noch nicht lange her, da ging Dracula allen Rumänen auf die Nerven. Sprach man die Bewohner des armen Karpatenlandes in Südosteuropa auf den Vampir an, den der Schriftsteller Bram Stoker in seinem gleichnamigen Roman in ihrer Provinz Transsilvanien angesiedelt hat, gab es wegwerfende Antworten: Der Blutsauger habe rein gar nichts mit Rumänien zu tun. Jetzt aber droht die Wende um 180 Grad: Die wendekommunistisch-sozialistische Regierung in Bukarest hat mit dem Untoten Ungutes vor: Ein Dracula-Vergnügungspark soll gebaut werden, und zwar dicht an der beschaulich mittelalterlichen Stadt Schässburg in Siebenbürgen, dem lieblich hügeligen Landstrich in Rumänien, der auch Transsilvanien genannt wird.
Beide Kammern des Parlaments in Bukarest haben dem regionalen Entwicklungsplan zugestimmt. Kaum jemand hat bisher aufbegehrt dagegen, dass der Park in ein Naturschutzgebiet hineingebaut werden soll und dass die verwinkelten Gassen Schässburgs dadurch von hunderttausenden Touristen und kitschigen Plastik-Vampir-Devotionalien überschwemmt werden sollen.
Schässburg, offiziell Sighisoara, hat den kompaktesten mittelalterlichen Stadtkern Rumäniens. Vor zwei Jahren wurden die Altstadt auf dem Burgberg von der Unesco zum Teil des Weltkulturerbes erklärt. Nur unter den nach Deutschland ausgewanderten Siebenbürger Sachsen, die früher in Schässburg gelebt haben, bahnt sich eine Protestaktion in Form einer Unterschriftensammlung an. Ihr Verband, die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen, hat sich aber noch nicht einmal zu einer Stellungnahme durchgerungen, obwohl die Pläne schon seit Monaten bekannt sind. Keinen Ton sagte bisher auch das Deutsche Forum, die politische Vertretung der Deutschen in Rumänien.
Vor Ort hatten nur die evangelischen Pfarrer der Sachsen Einwände. Ungeschickterweise allerdings gegen die angebliche Gefahr des Vampirismus und Satanismus – als ob dies das größte Problem wäre.Ungestört präsentierte folglich Tourismusminister Dan Matei Agathon seinen Schand-Plan kürzlich in einer triumphalen Show in Schässburg, die an politische Propaganda-Spektakel aus der längst vergangen geglaubten Ära Ceausescu erinnern ließ. Die Geistlichen der rumänisch-orthodoxen Kirche, die zunächst auch vor dem gottlosen Satanismus gewarnt hatten, besannen sich auf ihre traditionelle Staats- und Regierungstreue und sprachen für den Vampirpark ein Segensgebet. 3600 Schässburger sollen sich auf einer Unterschriftenliste für den Park ausgesprochen haben. Zwar erklärte sich der Minister offen für Diskussionen und kündigte - post festum - eine Meinungsumfrage vor Ort an. Aber im Prinzip blieb die Drohung stehen: „Wir wollen dem Grafen Arbeit geben und dies werden wir in unserem Vergnügungspark bis zum Überdruss tun.“
Bis zum Überdruss hat Minister Agathon wiederholt, dass der Park immerhin 3000 neue Arbeitsplätze in die Region bringen werde. Von den 30 000 Einwohnern sind offiziell sechs Prozent arbeitslos, inoffiziell 30 bis 40Prozent. Die erwarteten Einnahmen von jährlich 27Millionen US-Dollar sollen zu 51Prozent der Stadt zugute kommen, für die dringend notwendige Renovierung der einsturzgefährdeten Altstadt.
Günstig sei auch, dass in 50 und 100 Kilometer Entfernung je ein Flughafen vorhanden sei. Die Baukosten von etwa 31,5 Millionen US-Dollar will der Minister durch Kredite und Obligationen beschaffen. Für die Planung wurde das deutsche Unternehmen Western-Stadt Pullman City gewonnen. Bauplatz ist die so genannte Kahle Breite, ein Hochplateau in zwei Kilometer Luftlinie von der Burg. Auf 60Hektar sollen sich eine „Horror-Burg“, ein Golfplatz, und ein Lunapark entfalten. Vom Vampir versprechen sich die Planer jährlich eine Million Besucher – ein Albtraum für die Kleinstadt, in der schon die derzeit 300 Touristen pro Tag in der Hochsaison Aufmerksamkeit erregen. Sorgen bereitet zudem das ökologische Gleichgewicht auf der Kahlen Breite. Dort stehen 582 mehrere hundert Jahre alte Eichen, derzeit lauschiges Ausflugsziel für Liebespaare. Wer dort bauen will, müsse das feuchte Erdreich trockenlegen, meint der aus Schäßburg stammende Münchner Bauingenieur Hermann Letz. Dies würde das Leben der Eichen verkürzen.
Der Bezug Schässburgs zum Dracula-Vorbild, dem rumänischen Fürsten Vlad Tepes aus dem 15.Jahrhundert, ist äußerst vage. Fest steht nur, dass der Vater von Tepes, Fürst Vlad, in Schässburg vier Jahre im Exil zugebracht hat. Er trug den Beinamen Draculea, weil er einem Drachenorden angehörte, der sich dem Kampf gegen das Osmanische Reich verschrieben hatte. Wo genau Vlad Draculea gewohnt hatte, ist unbekannt. Das Restaurant „Dracula-Haus“ wird den Touristen als seine Herberge dargestellt, obwohl es 200 Jahre nach seinem Tod von den Nachfahren der im 12.Jahrhundert eingewanderten Sachsen als Heim für mitellosen Frauen gebaut wurde.
„Schässburg ist ein Schmuckstück. Wir brauchen gemäßigten Kulturtourismus. Wozu haben wir die Identifizierung mit Dracula nötig? Das ist doch eine historische Lüge“, ereifert sich der Schässburger Bildhauer Helmut Fabini. Wozu Dracula? Anders als andere Länder hat Rumänien keine Identität auf der Ebene gefälliger Klischees. Denkt man an Ungarn, fallen einem Csardas, Gulasch und Tokayer ein, zu Österreich Lippizaner, Knödel und Walzer, ja sogar zum entlegenen Lappland immerhin noch ein Rentier. Rumänien hat außer Dracula kein Etikett. Allenfalls politisch Gebildete assoziieren das Land mit dem 1989 gestürzten kommunistischen Diktator Nicolae Ceausescu, der das Thema Dracula für tabu erklärte, um Parallelen zu seiner blutsaugerischen Politik auszuschalten.
Jetzt also soll das Romangespenst all das wieder wettmachen, was das Land in den letzten 20Jahren in der Fremdenverkehrspolitik versäumt hat. Holprige Straßen, trostlose Hotels und zum Teil deprimierend verschmutzte Landschaft haben die Auslandstouristen vertrieben. Unterdessen fliegen die Träume des Schässburger Rathauschefs Danesan ins Märchenhafte. Befürchtungen, dass mit dem Dracula-Park die Konsumgüterpreise in seiner Stadt hochschnellen würden, hält er entgegen: „In Monte Carlo ist dies auch passiert und trotzdem geht es allen glänzend“.
Gruss Grobi
http://www.hansapark.de/www/images/hp-logo-de.gif

