Dom-Krise: Besucher bleiben aus

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Dom-Krise: Besucher bleiben aus

Artikel Hamburger Abendblatt, 27. 11. 2001

Dom-Krise: Besucher bleiben aus

Die Schausteller auf dem Heiligengeistfeld stöhnen: Die Zahl der Gäste schrumpft. Umsatzverluste von 30 Prozent nach zwei Wochen sind keine Seltenheit.

Von Felix Bellinger

Sie hoffen, dass die Hamburger ihre letzten Schlafmünzen nicht in Euro, sondern in Domgroschen umtauschen: Die Schausteller auf dem Heiligengeistfeld stöhnen unter dem schlechten Wetter und der düsteren Wirtschaftslage, die Besucherzahlen schrumpfen. Am Familien-Mittwoch vergangener Woche kamen statt üblicher 100 000 Besucher nur etwa 35 000. Am Donnerstag waren es rund 33 000 statt wie in anderen Jahren bis zu 90 000 Besucher. Und Sonntag kam es wieder knüppeldick: 65 000 Besucher statt erwarteter 170 000. "Wir hoffen auf die zweite Halbzeit", sagt Schausteller-Verbands-Präsident Max Eberhard.
"Es kommen weniger Menschen, und sie geben ihr Geld nur noch gezielt aus", fasst Manfred Trümper vom Dom-Referat in der Wirtschaftsbehörde die Lage zusammen. Beate Weiss (41, Westphal Bäckerei) wird deutlicher: "Dieses Jahr ist katastrophal für uns. Die Leute gehen über den Dom spazieren, bringen ihr eigenes Essen und Trinken mit. Es geht so weit, dass einige Kosten nicht mehr gedeckt sind." Willy Rüth (78) und Sohn Hans Werner Rüth (43, Dancer) errechnen schon nach den ersten zwei Wochen einen Umsatzverlust von 30 Prozent: "Die meisten Dom-Besucher sind ,Seh-Leute‘ - sie sehen sich um und gehen wieder. Die Kaufkraft der Kunden hat stark abgenommen." Mandy Müller-Pluschies (23, "Psycho") denkt positiv: "Es liegt am Wetter, dass die Besucher weg bleiben, aber das gab es auch schon früher." Und wie Eberhard setzt sie auf die zweite Halbzeit.
Nicht alle sind gleich stark betroffen. Kleine und weniger attraktive Schaugeschäfte haben das Nachsehen: "Das gabs vor zwei Jahren noch nicht in dem Maß", sagt Trümper. Eberhard bestätigt das: "Früher haben alle was verdient, heute nur noch die ganz Guten." Und früher kamen die Besucher bei Regen eben im "Ostfriesen-Nerz", auch das ist vorbei: "Jetzt gibt es so viele Freizeitangebote, dass die Leute sich bei schlechtem Wetter auf andere Art amüsieren."



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"Früher kamen die Besucher auch bei Regen. Jetzt gibt es so viele Freizeitangebote, dass sich die Leute bei schlechtem Wetter auf andere Art amüsieren."


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Anders als in guten Jahren, können die Schausteller auch nicht mehr so häufig mit immer neuen Sensationen auftreten: "Rund 750 000 Mark kostet ein Kinder-Fahrgeschäft, eine gute Million eines für Erwachsene. Die richtig großen kosten vier bis acht Millionen Mark", rechnet Trümper vor. Investitionen dieser Größe werden nicht mehr so schnell umgesetzt: "Wie soll das abgezahlt werden." Allerdings beobachten die Schausteller auch ein neues Phänomen: "Die Leute kommen nicht mehr als Testpiloten, sie mögen die bekannten Fahrgeschäfte, die sie erinnern", sagt Eberhard. Innerhalb der vergangenen zwei Jahre habe sich der Dom dazu wieder zunehmend zu einem Familien-fest entwickelt.
Als positiv bewertet der Präsident den anfangs unter Schaustellern umstrittenen HEW-Card-Donnerstag, der im vergangenen Jahr eingeführt wurde - Card-Inhaber bekommen an diesem Tag 24 Tickets zum halben Preis. Auch die HVV-Fahrkarten werden auf dem Dom verrechnet. Beides bremst den Besucherschwund wenigstens etwas. Dennoch liegen die Schausteller bislang unter dem Ergebnis des letzten Jahres. Im Schnitt machte der Dom bisher mit drei Veranstaltungen im Jahr geschätzte 140 Millionen Mark Umsatz - Eintrittsgeld, Wareneinkauf, Propangas, Strom und alles, was sonst noch zum Betrieb der Dom-Geschäfte gehört, zusammengenommen. Pro Kopf, so rechnet Trümper, gaben die Besucher zehn bis 14 Mark aus, neun bis zehn Millionen Besucher hat der Dom im Jahr.

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Ebenfalls Hamburger Abendblatt

Reicht Hamburgs Liebe?

Der Zauber des Doms will diesmal noch nicht so recht verfangen

Von Matthias Schmoock

Hamburg - Der Hamburger Dom - das ist kein Volksfest, sondern ein Lebensgefühl. Für die Menschen hier ist er so vertraut wie Herbst oder Frühling, manche Familien sollen sogar ihren Urlaub nach den Dom-Zeiten ausrichten.
Der Dom bedeutet sinnliche Erinnerungen, die lange anhalten - das Bewahren köstlicher Stunden über viele Jahre. Der Geschmack von Liebesäpfeln und Hamburger Speck, der Geruch von Bratwurst und gebrannten Mandeln. Da ist das flaue Gefühl vor und nach der Achterbahn, das unbändige Lachen in Irrgarten oder Jungmühle. Grusel in der Geisterbahn, Spannung beim Loseziehen, Freude über einen Gewinn.
Wie im Fieber stürmen Hamburgs Kinder los zum Dom - um dann Stunden später glücklich und müde nach Hause zu ziehen. Die Großen lassen sich anstecken - und finden zwischen Feldstraße und Glacischaussee plötzlich ein Stück ihrer eigenen Kindheit wieder. Nie hat der Dom sich modischen Trends verschlossen, aber er hat nicht alles angenommen und nur wenig aufgegeben. Heute steht die Hightech-Achterbahn neben dem Kettenkarussell, das Gurkenfass neben dem Dönerstand. Dosenwerfen, Schiffsschaukeln und "Hau den Lukas" gibt es schon, seit das große Fest erstmals die Besucher aufs Heiligengeistfeld lockte - das ist jetzt genau 109 Jahre her.



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"Man muss die Feste feiern, wie sie fallen."
Hermann Salingré (1833-1879)


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Einiges wirkt etwas antiquiert, aber Tradition hat manchmal eben auch mit Staub zu tun.
Dass der Dom jetzt mit Besucherschwund kämpft, ist alarmierend und eigentlich unverständlich. Liegt es am schlechten Wetter, der drohenden Rezession, oder hat hier das viel zitierte Ende der Spaßgesellschaft begonnen?
Ob die aktuelle Krise schon ein Trend ist, kann noch niemand sagen, aber Grund zur Panik gibt es nicht. Denn sein wichtigstes Kapital wird der Dom nie verlieren: Es ist die Liebe der Hamburger für dieses Fest, das immer noch ein besonderes ist. Der Glanz der unzähligen Lichter, der Anblick des Riesenrads - das ist ein alter Zauber, dem sich niemand wirklich entziehen kann.

Jens Uwe Kupka

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