Zoff auf dem Pfahl
Moin
Hier ein sehr amüsanter Artikel aus dem Weser Kurier über die derzeitige Situation auf den Pfählen im Heide Park:
Soltau. Sie mögen sich nicht. Und das ist noch milde ausgedrückt. Kein Wort mehr zwischen den beiden, seit Monaten schon. Tag und Nacht kehren sich ein Mann und eine Frau wenige Meter voneinander entfernt hasserfüllt den Rücken zu. Es muss ihnen Kraft geben. Denn niemand auf der Welt wird so lange auf einem Pfahl gesessen haben, wie die Sitzenbleiber von Soltau, wenn sie am Montag mit 167 Tagen den Rekord einstellen.
Nein, das hier ist keine Gaudi mehr. Wie die Kandidaten an diesem kalten, regnerischen Tag auf zweieinhalb Meter hohen Holzpodesten hocken und darauf acht geben müssen, dass ihnen die angeschwollenen Füße nicht aus den Schuhen platzen. In dicke Jacken gehüllt und teilweise verdeckt von einer Plastikplane, die mal nach links, mal nach rechts gezogen wird, je nachdem woher der Wind kommt. An den Pfählen kleben die Banner der Sponsoren. Billig wirkt das und verstärkt noch den trostlosen Anblick. Dazu die Leute drumherum, sie gaffen und verstehen oft gar nicht, was los ist mit diesen Menschen da oben. „Warum machen die das?“
„Einer“, erzählt Cordula Straub, „hat mich als Asoziale beschimpft. Ich sollte runter kommen vom Pfahl und arbeiten gehen.“ Es seien aber auch nette Begegnungen dabei, beteuert die 29-Jährige. Und überhaupt lasse es sich hier ganz gut aushalten. „Ich lese viel und meditiere .“ Zwischendurch mal ein Anruf vom Liebsten. „Der war ein Jahr im Kloster und kann das aushalten, die lange Zeit ohne Sex.“ Er hat seiner Freundin das Dauersitzen beigebracht. Zehn Nächte hintereinander auf dem Küchentisch. Damit sie besser vorbereitet ist als im vergangenen Jahr, bei ihrem ersten Versuch, als bereits nach einer Woche Schluss war: im Schlaf vom Pfahl gekippt.
Damals nahm die Geschichte ihren Anfang. Auch Roland Maier hatte sich angemeldet und wollte den Weltrekord schaffen, aber dann war da „diese Dame“, sagt er und meint Cordula Straub, „die hat mich gemobbt“. Pause überschritten – alle zwei Stunden dürfen die Teilnehmer sich für zehn Minuten die Füße vertreten – und disqualifiziert. Aber das soll ihm nicht noch einmal passieren. „Für dieses Jahr habe ich mir geschworen, mich nicht rausekeln zu lassen.“ Die Vorwürfe gegen seine Konkurrentin sind so vage, dass es wohl eher ein unterschwelliges Gefühl ist, das sich zu einer tiefen Abneigung hochgeschaukelt hat. „Bevor sie nicht absteigt, gehe ich bestimmt nicht vom Pfahl, und wenn ich hier bis zum Sommer sitze.“
Maier, 38 Jahre alt und von Beruf Elektromonteur, kommt aus Schwaben und das, meint er, bringt Nachteile in diesem Wettbewerb. „Bei der Essensausgabe zum Beispiel bin ich immer zuletzt dran.“ Die aus dem Norden wollten ihn eben mürbe machen, ganz langsam und mit so perfiden Methoden, dass später niemand verantwortlich gemacht werden könne. Eine Unterstellung, über die der Veranstalter sehr verärgert ist. Es gehe, betont er, selbstverständlich alles gerecht und streng nach den Regeln zu.
Einmal wird es Cordula Straub zu bunt, als Roland Maier sich gerade wieder über Mobbing beklagt. „Der lügt“, ruft sie dazwischen. „Wenn das gedruckt wird, gehe ich dagegen vor.“ Die Frau, eben noch so gelassen und frohgemut, hat sich für einen Moment zu ihrem Feind umgedreht, mit plötzlich verzerrtem Gesicht und Wut in der Stimme. Fehlt noch, dass die beiden irgendwann aufeinander losgehen.
Es gibt einen Dritten im Bunde. Wilko Jäschke aus Brandenburg. Er sitzt sozusagen zwischen den Stühlen. Sein Nebenmann geht ihm zwar auf die Nerven, „weil er so ein Sturschädel ist“. Aber immerhin reden sie noch miteinander. Jäschke, er arbeitet sonst als Maurer und hat für den Pfahlsitz-Wettbewerb wie die anderen von seiner Firma unbezahlten Urlaub bekommen, wäre einverstanden, gemeinsam vom Pfahl zu steigen, wenn am Montag der Weltrekord erreicht ist und die Gesamtsiegprämie von 50000 Mark gesichert. „Wir teilen uns das Geld und gut ist.“ Cordula Straub würde mitmachen, sagt sie. Doch ohne Roland Maier geht diese Rechnung nicht auf. Und der ist so sauer auf seine Rivalin, dass er sich auf keinen Handel einlässt.
So etwas gab es noch nie in den fünf Jahren, seitdem der Heide-Park mit seinen Pfahlsitzern wirbt und dafür mittlerweile bis in amerikanische Fernsehsendungen hinein Resonanz bekommt. Ein erfolgreicher PR-Gag, der jetzt allerdings aus dem Ruder laufen könnte. Denn am 4. November schließt der Freizeitpark, und was dann mit den drei Sitzenbleibern? Sie einfach ihrem Schicksal überlassen, bis sie festgefroren sind an der mit Kontrollsensoren gespickten Holzplatte? Um später sagen zu müssen: Schaut her, sie haben sich tot gesessen?
Nein, das natürlich nicht. „Wenn wir merken, dass es bei jemandem ernsthafte gesundheitliche Probleme gibt, holen wir ihn runter vom Pfahl“, sagt Heide-Park-Sprecher Klaus Müller. Falls die Kandidaten allerdings willens und in der Lage seien, noch Wochen oder Monate auszuharren, werde der Veranstalter sie nicht daran hindern und wie bisher rund um die Uhr für Betreuung sorgen.
Kann also sein, dass sie oben bleiben. Zwei von ihnen mit einer Wut im Bauch, die im Winter möglicherweise besser wärmt als jede Daunenjacke.
Hier ein sehr amüsanter Artikel aus dem Weser Kurier über die derzeitige Situation auf den Pfählen im Heide Park:
Soltau. Sie mögen sich nicht. Und das ist noch milde ausgedrückt. Kein Wort mehr zwischen den beiden, seit Monaten schon. Tag und Nacht kehren sich ein Mann und eine Frau wenige Meter voneinander entfernt hasserfüllt den Rücken zu. Es muss ihnen Kraft geben. Denn niemand auf der Welt wird so lange auf einem Pfahl gesessen haben, wie die Sitzenbleiber von Soltau, wenn sie am Montag mit 167 Tagen den Rekord einstellen.
Nein, das hier ist keine Gaudi mehr. Wie die Kandidaten an diesem kalten, regnerischen Tag auf zweieinhalb Meter hohen Holzpodesten hocken und darauf acht geben müssen, dass ihnen die angeschwollenen Füße nicht aus den Schuhen platzen. In dicke Jacken gehüllt und teilweise verdeckt von einer Plastikplane, die mal nach links, mal nach rechts gezogen wird, je nachdem woher der Wind kommt. An den Pfählen kleben die Banner der Sponsoren. Billig wirkt das und verstärkt noch den trostlosen Anblick. Dazu die Leute drumherum, sie gaffen und verstehen oft gar nicht, was los ist mit diesen Menschen da oben. „Warum machen die das?“
„Einer“, erzählt Cordula Straub, „hat mich als Asoziale beschimpft. Ich sollte runter kommen vom Pfahl und arbeiten gehen.“ Es seien aber auch nette Begegnungen dabei, beteuert die 29-Jährige. Und überhaupt lasse es sich hier ganz gut aushalten. „Ich lese viel und meditiere .“ Zwischendurch mal ein Anruf vom Liebsten. „Der war ein Jahr im Kloster und kann das aushalten, die lange Zeit ohne Sex.“ Er hat seiner Freundin das Dauersitzen beigebracht. Zehn Nächte hintereinander auf dem Küchentisch. Damit sie besser vorbereitet ist als im vergangenen Jahr, bei ihrem ersten Versuch, als bereits nach einer Woche Schluss war: im Schlaf vom Pfahl gekippt.
Damals nahm die Geschichte ihren Anfang. Auch Roland Maier hatte sich angemeldet und wollte den Weltrekord schaffen, aber dann war da „diese Dame“, sagt er und meint Cordula Straub, „die hat mich gemobbt“. Pause überschritten – alle zwei Stunden dürfen die Teilnehmer sich für zehn Minuten die Füße vertreten – und disqualifiziert. Aber das soll ihm nicht noch einmal passieren. „Für dieses Jahr habe ich mir geschworen, mich nicht rausekeln zu lassen.“ Die Vorwürfe gegen seine Konkurrentin sind so vage, dass es wohl eher ein unterschwelliges Gefühl ist, das sich zu einer tiefen Abneigung hochgeschaukelt hat. „Bevor sie nicht absteigt, gehe ich bestimmt nicht vom Pfahl, und wenn ich hier bis zum Sommer sitze.“
Maier, 38 Jahre alt und von Beruf Elektromonteur, kommt aus Schwaben und das, meint er, bringt Nachteile in diesem Wettbewerb. „Bei der Essensausgabe zum Beispiel bin ich immer zuletzt dran.“ Die aus dem Norden wollten ihn eben mürbe machen, ganz langsam und mit so perfiden Methoden, dass später niemand verantwortlich gemacht werden könne. Eine Unterstellung, über die der Veranstalter sehr verärgert ist. Es gehe, betont er, selbstverständlich alles gerecht und streng nach den Regeln zu.
Einmal wird es Cordula Straub zu bunt, als Roland Maier sich gerade wieder über Mobbing beklagt. „Der lügt“, ruft sie dazwischen. „Wenn das gedruckt wird, gehe ich dagegen vor.“ Die Frau, eben noch so gelassen und frohgemut, hat sich für einen Moment zu ihrem Feind umgedreht, mit plötzlich verzerrtem Gesicht und Wut in der Stimme. Fehlt noch, dass die beiden irgendwann aufeinander losgehen.
Es gibt einen Dritten im Bunde. Wilko Jäschke aus Brandenburg. Er sitzt sozusagen zwischen den Stühlen. Sein Nebenmann geht ihm zwar auf die Nerven, „weil er so ein Sturschädel ist“. Aber immerhin reden sie noch miteinander. Jäschke, er arbeitet sonst als Maurer und hat für den Pfahlsitz-Wettbewerb wie die anderen von seiner Firma unbezahlten Urlaub bekommen, wäre einverstanden, gemeinsam vom Pfahl zu steigen, wenn am Montag der Weltrekord erreicht ist und die Gesamtsiegprämie von 50000 Mark gesichert. „Wir teilen uns das Geld und gut ist.“ Cordula Straub würde mitmachen, sagt sie. Doch ohne Roland Maier geht diese Rechnung nicht auf. Und der ist so sauer auf seine Rivalin, dass er sich auf keinen Handel einlässt.
So etwas gab es noch nie in den fünf Jahren, seitdem der Heide-Park mit seinen Pfahlsitzern wirbt und dafür mittlerweile bis in amerikanische Fernsehsendungen hinein Resonanz bekommt. Ein erfolgreicher PR-Gag, der jetzt allerdings aus dem Ruder laufen könnte. Denn am 4. November schließt der Freizeitpark, und was dann mit den drei Sitzenbleibern? Sie einfach ihrem Schicksal überlassen, bis sie festgefroren sind an der mit Kontrollsensoren gespickten Holzplatte? Um später sagen zu müssen: Schaut her, sie haben sich tot gesessen?
Nein, das natürlich nicht. „Wenn wir merken, dass es bei jemandem ernsthafte gesundheitliche Probleme gibt, holen wir ihn runter vom Pfahl“, sagt Heide-Park-Sprecher Klaus Müller. Falls die Kandidaten allerdings willens und in der Lage seien, noch Wochen oder Monate auszuharren, werde der Veranstalter sie nicht daran hindern und wie bisher rund um die Uhr für Betreuung sorgen.
Kann also sein, dass sie oben bleiben. Zwei von ihnen mit einer Wut im Bauch, die im Winter möglicherweise besser wärmt als jede Daunenjacke.

