Nun ist es soweit...

#1

Nun ist es soweit...

GEÄNDERT AM 11-August-00 UM 12:49 Uhr (GMT)

Die Einnahmen gehen zurück, die Kosten bleiben. Schausteller stehen am Rande des Ruins. Der DSB-Präsident haut auf den Tisch...

Hier sein Statement.

Adieu Volksfest - Danke Veranstalter
DSB-Präsident Hermann Krameyer zur Kostenspirale im Schaustellergewerbe

Das Volksfest ist tot. Es lebe die innerstädtische Kommerzshow. Wir danken den beteiligten Kommunen, Politikern und Veranstaltern für ihren unermüdlichen Einsatz, eine jahrhundertealte Tradition in die Knie zu zwingen. Konsequent, unnachgiebig und uneinsichtig. Glückwunsch. Genau, was hat ein Kettenflieger im Zeitalter des Cyber- oder Hyperspace noch hier auf Erden verloren? Nichts! Wir fliegen durch virtuelle Welten. Und geht von einer Zusammenrottung von Hunderttausenden von Menschen auf ein paar Quadratmetern Bundesrepublik nicht eine Gefahr aus, die den Staat in seinen Grundfesten erschüttern könnte? Genau! Auch wenn sie sich friedlich und lustig treffen und die Alltagssorgen vergessen möchten, das ist egal. Zu viel ist zu viel und zu lang ist schlichtweg zu lang. Zu lang die Tradition der Kirmes, erst recht zu lang die Öffnungszeiten und vor allem zu lang der nicht genehmigte Demonstrationszug zum Volksfestplatz. Und überhaupt: Die Gegenstände, die durch ein Volksfest in Umlauf gebracht werden, und das Verhalten der Besucher sind schon höchst verdächtig. Paradiesäpfel könnten rotlackierte Handgranaten sein, unter dem Lebkuchen in Herzform könnte eine Mine versteckt sein und das Lachen eines Menschen ist erst recht subversiv. Kurzum es war an der Zeit, die Volksfeste auszurotten. Und die, die es noch gibt, werden auch noch in die Knie gezwungen. Und ich verspreche Ihnen: Bald haben Sie es geschafft, bald haben sie gewonnen.

Bei ihrem Vorhaben gingen und gehen die Protagonisten äußerst geschickt vor. Mit Hochachtung stelle ich das fest. Öffentlich wurde immer das Hohe Lied gesungen, aber hinterrücks der Dolch gezückt. Im geschliffenen Fachjargon wird dies mit den Begriffen "Gebühren" und "Abgaben" bezeichnet. Auszug gefällig? Das fängt an mit Gebühren für die Bewerbungsunterlagen zum Volksfest, dann ständig steigende Standgebühren. Wir zahlen für das Ausmessen des Platzes. Wir zahlen für die Volksfestwerbung, für das Feuerwerk. Wir zahlen für den Behindertentag. Wir zahlen für den Altennachmittag. Wir geben reichlich Freikarten, damit die Veranstalter das Volksfest genießen können. Wir zahlen Parkplatzmiete für unsere Wohnwagen, für unsere Pkws. Wir zahlen für den Stromanschluss. Für den Wasseranschluss. Für die Bauabnahme vor Inbetriebnahme unserer Fahrgeschäfte. Wir zahlen für den TÜV. Wir zahlen für Sondergenehmigungen für Uberbreiten und Uberlängen im Straßenverkehr. Wir zahlen für die Ausnahmegenehmigungen vom Sonntagsfahrverbot. Wir zahlen für Ausnahme-Fahrgenehmigungen bei erhöhten Ozonwerten. Wir zahlen für die Umweltauflagen der Veranstalter. Wir zahlen für die Beschäftigungsanträge unserer Arbeitskräfte. Wir zahlen für die Internatsunterbringung unserer Kinder. Wir zahlen für die Betreuung unserer Kinder am Heimatort. Und ich habe bei weitem nicht alle Kosten aufgezählt. Wenn ich auf einer Kirmes stehe, fühle ich mich an die Werbung einer Bank erinnert, "Mein Haus, meine Yacht, mein Auto" .
In gleicher Geschwindigkeit und x-facher Höhe stapeln sich dagegen bei mir die zu
zahlenden Forderungen. Und die Banken ? Die weisen einem eher den schnellsten Weg aus ihrem Marmorpalast, statt in Richtung geeigneter Finanzierungsmodelle. Das Aussterben der Volksfeste hat natürlich einen doppelten Effekt. Endlich herrscht Ruhe im Land und die widerspenstigen Schausteller sind auch weg. Aber halt, da gibt es - wie in einem französischen Comic - noch eine gut organisierte Widerstandsgruppe, die "Resistance der Showmen". Chef und Stellvertreter werden zwar nicht auf ein Schild gehoben, demonstrieren aber nicht weniger stark Kampfbereitschaft. Und wir sagen. Hört endlich auf, ein Volksfest als "Lizenz zum Gelddrucken" zu betrachten. Für uns Schausteller ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Es reicht nicht mehr, nur die Gebühren und Abgaben auf das aktuelle Niveau einzufrieren. Endlich müssen die Kosten für das Gewerbe gesenkt werden. Senkt die Standgelder, rufe ich euch zu. Macht endlich Schluss mit dem Gebühren-, Nebengebühren- und Abgabenwahn. Kostenstopp allein ist keine Alternative mehr. Kosten runter ist die einzige Zukunftschance. Wir Schausteller sind in den letzten Jahren jeder noch so überhöhten Forderung nachgekommen. Es geht nicht mehr. Lassen Sie Vernunft walten. Kommen Sie jetzt endlich uns entgegen. Erfinden Sie keine neuen Kosten mehr. Sonst sieht es ganz düster aus.
Schönes, neues und vor allem verödetes Deutschland. Doch es gibt eine Möglichkeit zur Umkehr. Nutzen Sie die Chance. Es könnte Ihre und unsere letzte sein.

Reaktion auswählen