Artikel über Stengel

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Artikel über Stengel

Aus der Stuttgarter Zeitung, 11. 07. 2001

Der Kick, einen rückenschonenden Looping zu erfinden
Der Ingenieur Werner Stengel entwirft in München Achterbahnen für Vergnügungsparks in aller Welt - "Wir sind an der Grenze des Menschen''

Für die einen Albtraum, für die anderen Sucht: Jede neue Achterbahn ist schneller, größer, spektakulärer als die alten. Wer aber denkt sich solche halsbrecherischen Schienenarrangements eigentlich aus? Der wichtigste heißt Werner Stengel.

Von Julia Schaaf, München

Er spürt es noch: das Brodeln im Bauch und das Herz, das plötzlich so viel schneller schlägt. Manchmal schreit er auch, "so ein bisschen'', sagt Werner Stengel und führt in seinem Arbeitszimmer vor, wie das geht: Stengel boxt mit angewinkelten Unterarmen in die Luft wie ein Sportler, der mit seiner Leistung zufrieden ist, und sagt dazu mit lauter Stimme "wow''. Das ist nicht das Kreischen der Mädchen, die Begeisterung und Angst aus sich hinausschreien, sobald der Zug der Achterbahn in die Tiefe kippt. Der 64-Jährige behält auch im Absturz den Blick des Profis. Er registriert genau, welche Belastung der Körper auszuhalten hat, und fährt gleich ein paarmal hintereinander, um die Strecke gründlich zu prüfen. Aber am liebsten sitzt er dabei vorne im ersten Wagen, wo der Effekt der Bahn am stärksten ist. "Es ist ein wahnsinniger Kick'', sagt der Ingenieur. Manchmal träumt er nachts von der Fahrt. Noch nach all den Jahren.

Als beim Oktoberfest 1964 die erste von Werner Stengel gebaute Achterbahn in Betrieb ging, war die Welt der Roller-Coaster vergleichsweise harmlos. Maximal Tempo 50 schafften die Wagen, behutsam und wesentlich langsamer ging es in die Kurven. Trotzdem war das eine Sensation. Heute schreibt die Branche andere Rekorde. Mehr als 150 Stundenkilometer, Schienenwege in knapp 100 Meter Höhe, acht Loopings und seit Mitte Juni im Holiday-Park in Haßloch eine Abfahrt mit mehr als 80 Grad Neigung: "Das hätte ich damals alles für unmöglich gehalten'', sagt Stengel. Mit Bleistift zeichnet er eine steile Kurve auf seinen Karoblock. So ging es mit der Entwicklung der Achterbahnen nach oben. So ist es auch mit Werner Stengel nach oben gegangen. Ob die Bahn Millennium Force im US-amerikanischen Vergnügungspark Cedar Point, Europas größte Holzachterbahn im Heidepark Soltau oder der neue Coaster im Holiday-Park, ob in Japan, Brasilien oder im Irak: die Pläne für 440 gebaute Achterbahnen und 225 verschiedene Modelle sind in Stengels Ingenieurbüro in dem Münchner Wohnviertel Forstenried entstanden, in einem biederen Zweifamilienhaus zwischen kantig gestutzten Hecken, in dem zehn Mitarbeiter an Rechnern und Zeichenbrettern schaffen.

Stengel sagt, seine Firma sei "konkurrenzlos''. Auch wenn weltweit gut ein halbes Dutzend Unternehmen Achterbahnen konstruiere: "Wir sind immer ein bisschen weiter.'' Dafür sorgen spezielle, selbst entwickelte Computerprogramme. Und wenn der Ingenieur von den wichtigsten Neuerungen der Branche erzählt, sagt er: "Das sind meine Erfindungen.'' Dann lächelt er, und über seinen Mundwinkeln bilden sich verschmitzte Falten. Das ist der Stolz.

Stengel hat 1975 in den USA den ersten Looping gebaut, der nicht durch die Wucht der Kräfte Nacken und Wirbelsäule zu verletzen droht. Seitdem besteht der Überschlag nicht mehr aus einem geometrischen Kreis, in dem bei der Einfahrt des Zuges der Kopf ruckartig nach hinten gerissen wird. Stattdessen geht die gerade Strecke allmählich in die Schienenschlaufe über. Dieses Prinzip der Klothoide, wie die Spiralfigur heißt, hat Stengel den Autobahnkurven abgeschaut. Es hält die Beschleunigung in erträglichem Maß. Denn es ist die Gesundheit der Fahrgäste, die der Fantasie der Erfinder Schranken weist. Maximal das Sechsfache des eigenen Körpergewichts darf auf den Menschen einwirken, und auch das nur für kürzeste Zeit. "Wir sind an der Grenze des Menschen'', sagt Stengel.

Das Geheimnis einer guten Bahn ist deshalb, extreme Belastung und Ruhephasen wirkungsvoll aneinanderzureihen. Der Körper nimmt nicht die Geschwindigkeit als solche wahr. Er spürt nur die "Beschleunigung und den Wechsel der Beschleunigungen'', wie Stengel sagt. Das macht den Kick.

Stengel redet schnell und ohne Unterbrechung. Er braucht keine Pausen, um über das Zusammenspiel von Fliehkraft und Erdanziehung, über die Wirkung der Querbeschleunigung oder die ideale Neigung des Schienenstrangs nachzudenken. Aber er zeichnet oder spielt, was er erklärt. Dazu rutscht er seinen Stahlrohrsessel ein Stück zurück, hält die Beine in der Bundfaltenhose parallel, neigt den weißhaarigen Kopf abrupt zur Seite oder deutet mit dem Finger auf die Mitte seines kurzärmeligen Hemdes. "Das ganze Leben ist Physik'', meint Stengel, und jedenfalls für ihn scheint dieser Satz zu stimmen. Noch nie, sagt der Schneiderssohn aus Bochum, habe er im Büro Kaffee getrunken oder Zeitung gelesen, immer sei der Geist in Bewegung. Vielleicht ist der Mann deshalb so erfolgreich.

Er hätte auch gute Brücken gebaut, meint Stengel. Stattdessen kam es so: Das Bauingenieurstudium war noch nicht abgeschlossen, als Stengel während eines Ferienjobs den Auftrag für seine erste Achterbahn erhielt. Er erkannte die Marktlücke und spezialisierte sich auf einem Feld, das unter anderem mit Schweiß- und Elektrotechnik, Holzbau und Statik viel mehr umfasst, als jedes Studium lehrt. Das mache den Reiz an der Arbeit aus, findet Stengel und sagt: "Ich habe auch Glück gehabt.'' Aber schon schiebt er nach: "Glück hat immer der Tüchtige.''
#2

RE: Artikel über Stengel

Antwort auf APS, Beitrag #1

Ein guter Artikel!Alle berichteten Dinge scheinen gut recherchiert worden zu sein. Es heist auch nicht " MF, die höchste Achterbahn der Welt" oder "Col., die höchste Holzachterbahn der Welt". Das würden viele Zeitungen oder Sendungen im Fernsehen sagen oder haben es schon gesagt.

Keep on riding
Real Coasterfreak:-firejump
#3

RE: Artikel über Stengel

Antwort auf Real Coasterfreak, Beitrag #2

Hat noch nie nen Cafe im Büro getrunken.... der Arme !!!
Lasst uns alle zusammenlegen, für ne richtig geile Cafemaschine.

Aber nicht so eine wo der Cafe einfach so vom Filter läuft, neee , eine mit freiem Fall, aus 4 Metern Höhe.

wer baut sie ???
#4

RE: Artikel über Stengel

Antwort auf stilbruch, Beitrag #3

Vekoma,

dann ist der Kaffee nämlich geschüttelt, nicht gerührt!


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