Autostadt Artikel
Frankfurter Rundschau, 7. Juli 2001
Der Airbag-Zoo
Mit einer Mischung aus Museum und Multimedia-Center wirbt die Autostadt Wolfsburg subtil für das liebste Spielzeug der Deutschen. Ein Jahr nach der Eröffnung macht das MAGAZIN einen Familienausflug in das "Erlebnis- und Kompetenz-Zentrum".
Von Franziska Pfeiffer
Ein Ausflug nach Wolfsburg? Da fahren doch nur Leute hin, die ihr neues Auto selbst abholen wollen, um die Überführungsgebühr zu sparen, oder? Früher mag das so gewesen sein. Doch seit Wolfsburg die Autostadt hat, kommen Besucher nicht mehr nur wegen der Neuwagen, sondern auch, um auf dem Werksgelände ihre Freizeit zu verbringen.
Vor genau einem Jahr eröffnete der Volkswagen-Konzern den 850 Millionen Mark teuren Park. Seitdem unterwerfen sich 3500 Menschen täglich der riesigen Auto-Werbeveranstaltung und bezahlen dafür auch noch Eintritt. Die Besucher sollen "Mobilität erleben" - und zwar so, dass es Spaß macht. So lautet die Idee, die hinter allen Inszenierungen steckt. Im Konzept nennen die Macher ihre Autostadt ein "Erlebnis- und Kompetenzzentrum, das zahlreiche Freizeitaktivitäten bietet".
Dafür sind auf dem VW-Werksgelände renommierte Designer, Architekten, Werber, Filmemacher, Künstler und sonstige Experten für sanfte Verführungen angetreten. Und haben eine "Location" geschaffen, wie es sie nirgends auf der Welt gibt: Eine Mischung aus Museum und Multimedia-Center, aus Expo und Parklandschaft. Ein bisschen Ikea-Kinderparadies, aber mit Bildung, ein bisschen Kunstgalerie, aber ohne Anfass-Verbot. Ein bisschen Industrie-Romantik, aber blitzsauber, ein Stück Freizeitpark, aber ohne Hektik. All das ist natürlich subtile Autowerbung, aber ohne Nervfaktor. Vom Oldtimer bis zum modernsten Motor, vom Spielfilm im 360-Grad-Kino bis zur Panoramatour im Simulator - es wird alles gezeigt, aber kaum Lärm darum gemacht.
Und wahrscheinlich kommen nur deshalb so viele Besucher - einschließlich uns: Vater, Mutter und zwei Kinder, die mit ihren sechs und zehn Jahre eigentlich gar nicht gerne "langweilig in der Gegend rumtrotten und Erwachsenen-Sachen an-glotzen".
Doch noch während wir Eltern uns in der riesigen gläsernen Eingangshalle auf eine Diskussion über anständige Wochenendgestaltung gefasst machen, sind die Kinder schon verschwunden. Abgesogen wie von einer magischen Hand. In der "KinderWelt" gleich hinterm Eingang flitzen sie in Seifenkisten über die eigens dafür angelegten Pisten. Ausgestattet mit einem Piepser für Notfälle könnten wir sie gleich da lassen, pädagogische Betreuung inklusive.
Aber schon bald wollen die beiden weiter, ins Kino. Dort läuft zum Thema "Soziale Kompetenz" kein VW-Werbefilm, sondern ein kleiner Spielfilm über einen Schulausflug, bei dem sich alle einigen müssen, um ans Ziel zu kommen. Als "emotionale Begegnung" sollen Filme wie dieser zum Nachdenken anregen - über Verkehr, Umwelt, Sicherheit, Verantwortung.
Elterliche Verantwortung hin oder her - auch danach behalten Kinder die Führung. Im "KonzernForum" entwerfen sie am Bildschirm ihr eigenes Auto und staunen, als sich ein Käfer im Querschnitt öffnet und sein Innenleben zeigt.
Doch das Highlight für unseren Sohn finden wir erst im Info-Bereich "Sicherheit". Als er bei einem inszenierten Crash hinter Glas zum ersten Mal einen Airbag aufgehen sieht, freut er sich so, als hätte er ein seltenes Tier in freier Wildbahn entdeckt ("so was habe ich in echt noch nie gesehen!").
Im "ZeitHaus" experimentieren die Kinder mit Wasserkraft, Solarenergie, Windkanälen, testen ihre Reaktionsfähigkeit und nehmen auch noch ein bisschen Auto-Geschichte im Zeitraffer mit ("guckt mal, so ein Motorrad, so ein Zelt und so ein Auto hatte euer Opa früher").
Bei den so genannten MarkenPavillons zeigen sich - nach drei Stunden auf den Beinen - erste Ermüdungserscheinungen. Trotzdem wollen die Kinder keine der Firmenpräsentationen auslassen. Ob bei Bentley, Skoda, Seat oder Audi: Sie sausen hindurch in der Hoffnung, auf immer neue Überraschungen zu stoßen.
Die finden sie allerdings erst im "Vulkan". Der schwarze Kasten, in die Landschaft geworfen wie ein Würfel, soll die Kraft des Lamborghinis symbolisieren. Im Inneren des Würfels erscheint und verschwindet ein Rennwagen - mit Feuer, Blitzen, Rauchwolken und gigantischem Getöse.
Unser Sohn würde am liebsten dableiben, doch unsere Tochter und uns zieht es nach so viel Lärm wieder nach draußen, in die ruhige Parklandschaft: Für Urlaubsgefühle und Entspannung will die von Wasserläufen durchzogene Lagunenstadt sorgen. "Eine Stadt, in der sich zwar alles um das Auto dreht, die aber gelernt hat, dem Menschen zu dienen", lautet die Werbe-Idee.
Deshalb darf man auf Liegestühlen Platz nehmen und einen langen Blick auf die Umgebung werfen: auf die imposante Kulisse des Luxushotels Ritz-Carlton vor den alten Schornsteinen; auf plätschernde Wasserspiele in der Parklandschaft und auf das Wahrzeichen der Autostadt, die beiden gläsernen Autotürme, in denen 800 Neuwagen auf ihre Abholer warten.
Und wenn man da so auf den Liegestühlen fläzt, kann man sich auch dem vielleicht interessantesten Phänomen der Autostadt zuwenden. Und zwar der Frage: "Was hat all das jetzt mit Autos zu tun?" Es fällt uns nicht leicht, den Kinder zu erklären, was wir selbst schon schwer zusammenbringen können: Dass es im übertragenden Sinne immer um Qualität, Service, Sicherheit, Marketing und soziale Kompetenz gehen soll.
Doch die Kinder verstehen trotzdem, dass sich hier "irgendwie alles um Autos dreht", auch wenn man es nicht so merkt. Als zum Beispiel im Selbstbedienungs-Restaurant eine freundliche Verkäuferin dem Vater zu Hilfe eilt, weil er mit dem Transport unseres Mittagessens sichtlich überfordert ist, da haben sie den Zusammenhang schon erfasst: "Die ist jetzt so nett zu Papa, damit wir hier mal ein Auto kaufen." So kann man die von den Herstellern beschworene "uneingeschränkte Bereitschaft zur Dienstleistung", die sich in der Autostadt widerspiegeln soll, wohl am besten erklären.
ServiceAutostadt Wolfsburg
ANREISE: Mit dem Auto über die A2 Berlin-Hannover; bei der Autobahn-Tangente A39 Richtung Wolfsburg abfahren, bis Abfahrt Wolfsburg West, dann den Schildern "Autostadt" folgen.
Im Intercity Express bis Wolfsburg ICE Bahnhof, von dort aus geht es zu Fuß ein paar Minuten in die Autostadt.
ÖFFNUNGSZEITEN: Die Autostadt Wolfsburg ist täglich von 9 bis 20 Uhr (1. April bis 31. Oktober; im Winter von 9 bis 18 Uhr) geöffnet. Erwachsene zahlen für die Tageskarte 24 Mark, Kinder zwischen 6 und 14 Jahren 12 Mark, die Familienkarte für zwei Erwachsene und bis zu 3 Kinder kostet 69 Mark. Für den Abendeintritt ab 18 Uhr zahlt man 12 Mark.
PAUSCHALREISEN: Das Autostadt "Weekend Special" für Familien gibt es ab 274 Mark (Hotel-Übernachtung in Wolfsburg, 2 Erwachsene, 2 Kinder im Zimmer der Eltern, Eintritt, Essensgutschein im Wert von 50 Mark, Frühstücksbuffett).
Auf dem Gelände der Autostadt wohnt man stilvoll im Fünf-Sterne-Hotel Ritz-Carlton, allerdings auch ab 314 Mark pro Person.
AUSKUNFT: Autostadt GmbH, Stadtbrücke, 38440 Wolfsburg, Tel. 0800/288678238, Fax: 0800/ 329288678 238, E-Mail service@autostadt.de, Internet: www.autostadt.de
mfg
Thomas Sander
Firma APS
Der Airbag-Zoo
Mit einer Mischung aus Museum und Multimedia-Center wirbt die Autostadt Wolfsburg subtil für das liebste Spielzeug der Deutschen. Ein Jahr nach der Eröffnung macht das MAGAZIN einen Familienausflug in das "Erlebnis- und Kompetenz-Zentrum".
Von Franziska Pfeiffer
Ein Ausflug nach Wolfsburg? Da fahren doch nur Leute hin, die ihr neues Auto selbst abholen wollen, um die Überführungsgebühr zu sparen, oder? Früher mag das so gewesen sein. Doch seit Wolfsburg die Autostadt hat, kommen Besucher nicht mehr nur wegen der Neuwagen, sondern auch, um auf dem Werksgelände ihre Freizeit zu verbringen.
Vor genau einem Jahr eröffnete der Volkswagen-Konzern den 850 Millionen Mark teuren Park. Seitdem unterwerfen sich 3500 Menschen täglich der riesigen Auto-Werbeveranstaltung und bezahlen dafür auch noch Eintritt. Die Besucher sollen "Mobilität erleben" - und zwar so, dass es Spaß macht. So lautet die Idee, die hinter allen Inszenierungen steckt. Im Konzept nennen die Macher ihre Autostadt ein "Erlebnis- und Kompetenzzentrum, das zahlreiche Freizeitaktivitäten bietet".
Dafür sind auf dem VW-Werksgelände renommierte Designer, Architekten, Werber, Filmemacher, Künstler und sonstige Experten für sanfte Verführungen angetreten. Und haben eine "Location" geschaffen, wie es sie nirgends auf der Welt gibt: Eine Mischung aus Museum und Multimedia-Center, aus Expo und Parklandschaft. Ein bisschen Ikea-Kinderparadies, aber mit Bildung, ein bisschen Kunstgalerie, aber ohne Anfass-Verbot. Ein bisschen Industrie-Romantik, aber blitzsauber, ein Stück Freizeitpark, aber ohne Hektik. All das ist natürlich subtile Autowerbung, aber ohne Nervfaktor. Vom Oldtimer bis zum modernsten Motor, vom Spielfilm im 360-Grad-Kino bis zur Panoramatour im Simulator - es wird alles gezeigt, aber kaum Lärm darum gemacht.
Und wahrscheinlich kommen nur deshalb so viele Besucher - einschließlich uns: Vater, Mutter und zwei Kinder, die mit ihren sechs und zehn Jahre eigentlich gar nicht gerne "langweilig in der Gegend rumtrotten und Erwachsenen-Sachen an-glotzen".
Doch noch während wir Eltern uns in der riesigen gläsernen Eingangshalle auf eine Diskussion über anständige Wochenendgestaltung gefasst machen, sind die Kinder schon verschwunden. Abgesogen wie von einer magischen Hand. In der "KinderWelt" gleich hinterm Eingang flitzen sie in Seifenkisten über die eigens dafür angelegten Pisten. Ausgestattet mit einem Piepser für Notfälle könnten wir sie gleich da lassen, pädagogische Betreuung inklusive.
Aber schon bald wollen die beiden weiter, ins Kino. Dort läuft zum Thema "Soziale Kompetenz" kein VW-Werbefilm, sondern ein kleiner Spielfilm über einen Schulausflug, bei dem sich alle einigen müssen, um ans Ziel zu kommen. Als "emotionale Begegnung" sollen Filme wie dieser zum Nachdenken anregen - über Verkehr, Umwelt, Sicherheit, Verantwortung.
Elterliche Verantwortung hin oder her - auch danach behalten Kinder die Führung. Im "KonzernForum" entwerfen sie am Bildschirm ihr eigenes Auto und staunen, als sich ein Käfer im Querschnitt öffnet und sein Innenleben zeigt.
Doch das Highlight für unseren Sohn finden wir erst im Info-Bereich "Sicherheit". Als er bei einem inszenierten Crash hinter Glas zum ersten Mal einen Airbag aufgehen sieht, freut er sich so, als hätte er ein seltenes Tier in freier Wildbahn entdeckt ("so was habe ich in echt noch nie gesehen!").
Im "ZeitHaus" experimentieren die Kinder mit Wasserkraft, Solarenergie, Windkanälen, testen ihre Reaktionsfähigkeit und nehmen auch noch ein bisschen Auto-Geschichte im Zeitraffer mit ("guckt mal, so ein Motorrad, so ein Zelt und so ein Auto hatte euer Opa früher").
Bei den so genannten MarkenPavillons zeigen sich - nach drei Stunden auf den Beinen - erste Ermüdungserscheinungen. Trotzdem wollen die Kinder keine der Firmenpräsentationen auslassen. Ob bei Bentley, Skoda, Seat oder Audi: Sie sausen hindurch in der Hoffnung, auf immer neue Überraschungen zu stoßen.
Die finden sie allerdings erst im "Vulkan". Der schwarze Kasten, in die Landschaft geworfen wie ein Würfel, soll die Kraft des Lamborghinis symbolisieren. Im Inneren des Würfels erscheint und verschwindet ein Rennwagen - mit Feuer, Blitzen, Rauchwolken und gigantischem Getöse.
Unser Sohn würde am liebsten dableiben, doch unsere Tochter und uns zieht es nach so viel Lärm wieder nach draußen, in die ruhige Parklandschaft: Für Urlaubsgefühle und Entspannung will die von Wasserläufen durchzogene Lagunenstadt sorgen. "Eine Stadt, in der sich zwar alles um das Auto dreht, die aber gelernt hat, dem Menschen zu dienen", lautet die Werbe-Idee.
Deshalb darf man auf Liegestühlen Platz nehmen und einen langen Blick auf die Umgebung werfen: auf die imposante Kulisse des Luxushotels Ritz-Carlton vor den alten Schornsteinen; auf plätschernde Wasserspiele in der Parklandschaft und auf das Wahrzeichen der Autostadt, die beiden gläsernen Autotürme, in denen 800 Neuwagen auf ihre Abholer warten.
Und wenn man da so auf den Liegestühlen fläzt, kann man sich auch dem vielleicht interessantesten Phänomen der Autostadt zuwenden. Und zwar der Frage: "Was hat all das jetzt mit Autos zu tun?" Es fällt uns nicht leicht, den Kinder zu erklären, was wir selbst schon schwer zusammenbringen können: Dass es im übertragenden Sinne immer um Qualität, Service, Sicherheit, Marketing und soziale Kompetenz gehen soll.
Doch die Kinder verstehen trotzdem, dass sich hier "irgendwie alles um Autos dreht", auch wenn man es nicht so merkt. Als zum Beispiel im Selbstbedienungs-Restaurant eine freundliche Verkäuferin dem Vater zu Hilfe eilt, weil er mit dem Transport unseres Mittagessens sichtlich überfordert ist, da haben sie den Zusammenhang schon erfasst: "Die ist jetzt so nett zu Papa, damit wir hier mal ein Auto kaufen." So kann man die von den Herstellern beschworene "uneingeschränkte Bereitschaft zur Dienstleistung", die sich in der Autostadt widerspiegeln soll, wohl am besten erklären.
ServiceAutostadt Wolfsburg
ANREISE: Mit dem Auto über die A2 Berlin-Hannover; bei der Autobahn-Tangente A39 Richtung Wolfsburg abfahren, bis Abfahrt Wolfsburg West, dann den Schildern "Autostadt" folgen.
Im Intercity Express bis Wolfsburg ICE Bahnhof, von dort aus geht es zu Fuß ein paar Minuten in die Autostadt.
ÖFFNUNGSZEITEN: Die Autostadt Wolfsburg ist täglich von 9 bis 20 Uhr (1. April bis 31. Oktober; im Winter von 9 bis 18 Uhr) geöffnet. Erwachsene zahlen für die Tageskarte 24 Mark, Kinder zwischen 6 und 14 Jahren 12 Mark, die Familienkarte für zwei Erwachsene und bis zu 3 Kinder kostet 69 Mark. Für den Abendeintritt ab 18 Uhr zahlt man 12 Mark.
PAUSCHALREISEN: Das Autostadt "Weekend Special" für Familien gibt es ab 274 Mark (Hotel-Übernachtung in Wolfsburg, 2 Erwachsene, 2 Kinder im Zimmer der Eltern, Eintritt, Essensgutschein im Wert von 50 Mark, Frühstücksbuffett).
Auf dem Gelände der Autostadt wohnt man stilvoll im Fünf-Sterne-Hotel Ritz-Carlton, allerdings auch ab 314 Mark pro Person.
AUSKUNFT: Autostadt GmbH, Stadtbrücke, 38440 Wolfsburg, Tel. 0800/288678238, Fax: 0800/ 329288678 238, E-Mail service@autostadt.de, Internet: www.autostadt.de
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Thomas Sander
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