Freizeitpark Ruhrpott

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Freizeitpark Ruhrpott

Ruhrpott im Wandel: Wo früher Schlote qualmten, tummelt sich heute die Spaßgesellschaft

Freizeitpark statt Zeche: In Nordrhein-Westfalen will man weiter Kohle machen - doch oft fehlen Besucher

Nordrhein-Westfalen ist auf dem Weg vom Industrie- zum Dienstleistungsland. Und von der Malocher- zur Spaßgesellschaft. Jedenfalls schießen an Rhein und Ruhr immer mehr Erlebnis- und Freizeitparks aus dem Boden.

Gleich im doppelten Sinn steht es mit der Kohle schlecht in Duisburg. Im nördlichsten Stadtteil Walsum kämpft die Ruhrkohle AG um das letzte Bergwerk in der ehemaligen ¸¸Stadt Montan''. Und auch mit der Kohle - dem Geld im übertragenen Sinn - steht es schlecht in der Stadt. Duisburg ist hoch verschuldet.

VON HEINZ PETER FINKE

zurzeit Duisburg

Viele Einwohner drehen wegen der hohen Arbeitslosenquote von rund 14 Prozent die Mark erst ein paar Mal um, bevor sie sie ausgeben. Dennoch soll ¸¸der Rubel rollen''. In der Mercator-Halle, der ¸¸guten Stube'' der Stadt, soll das vierte nordrhein-westfälische Spielcasino Geld in die Stadt- und Landeskasse spülen. Von jährlich 20 Millionen Mark ist die Rede. Die Spieler des Ruhrgebiets und des Niederrheins sollen hier ihr Glück machen. Vor allem nach der Einführung des Euro setzt man auch auf die benachbarten Niederländer.

Die Nachbarn werden aber möglicherweise schon im 20 Kilometer entfernten Krefeld abgefangen. Dort will der US-Betreiber Universal mit dem 1,6 Milliarden Mark teuren Aquadrom Wellness-Water-Park jährlich 3,5 Millionen Besucher anlocken.

Bereits jetzt können die Menschen auf dem Weg dorthin einen längeren Stopp in Kalkar einlegen. Seit fünf Jahren wartet hier ¸¸Kernwasser Wunderland'' mit ¸¸Kernie's Familienpark'' auf sie. Ein beziehungsreicher Name. Eigentlich sollte hier im Schnellen Brüter Kernenergie erzeugt werden - bis Umweltschützer dem deutsch-niederländisch-belgischen Betreiber-Trio die Lust am Projekt austrieben.

Nun ist auch die mit acht Milliarden Mark teuerste Bauruine Europas ein Freizeitpark. Heute ist der ursprüngliche Kühlturm Europas größte Kletteranlage. Darunter fahren Scooterboote übers Wasser. Auch der Reaktortank soll einmal mit Wasser gefüllt werden, um Taucher anzuziehen. Im Hotel erholen sich Gäste zwischen atomsicheren Mauern vom Alltagsstress.

Eine Autostunde entfernt erwartet in Bottrop Warner Brothers' Film-Welt auf vergnügungssüchtige Bürger. Den Menschen im Ruhrgebiet, die hartes Arbeiten gewohnt sind, steht der Sinn wenig nach Träumen. Da macht es sich gut, dass wenigstens Warner Brothers mit Hollywoods Traumwelt ins Ruhrgebiet kommt. Der Wilde Westen ist im Ruhrpott ebenso zu erleben wie Batman.

Überhaupt: Bottrop, die alte Zechenstadt, scheint Freizeitunternehmer geradezu anzuziehen. Seit Anfang des Jahres betreibt das ehemalige Ski-Ass Marc Girardelli einen Skipark, in dem man auf Alpenschnee aus dem österreichischen Kaunertal wedeln kann. Wer die 640 Meter lange Abfahrt leid ist, kann seine Ski aufs Auto packen. 50 Minuten entfernt, in Neuss, wartet eine zweite Hallen-Abfahrt.

Nicht nur Duisburg, Krefeld, Bottrop und Neuss, auch Oberhausen, Essen, Bochum und Dortmund haben sich der Freizeit verschrieben. Neben den Erlebnisparks sollen Kulturparks in stillgelegten Industrieanlagen wie dem ehemaligen Stahlwerk Duisburg-Meiderich, der Zeche Zollverein in Essen oder dem Gasometer in Oberhausen Publikumsmagnete werden. Sie konkurrieren und kooperieren mit Landschaftsparks.

Ein Ende des Gründerbooms ist nicht abzusehen. Oberhausen, das mit seinem Einkaufspark ¸¸Centro'' neue Maßstäbe schuf, plant jetzt eine ¸¸Centrovision'' - einen Themenpark zur Zukunft der Menschheit. Dort sollen sich Besucher nicht nur über den menschlichen Körper informieren können. Längs eines Sees entstehen auch Pavillons zu Themen wie Mikrowellen, Robotik, Neues Wohnen, Gesundheit oder Glück. Und genau das werden die Betreiber auch bitter nötig haben.

Warner Brothers beispielsweise vermarktet zwar noch seinen Namen für das Bottroper Freizeitspektakel. Aber es gehört inzwischen den Premier Parks, dem weltweit größten Vergnügungspark-Betreiber. Warner Brothers war die Freude an der 380-Millionen-Mark-Investition vergangen. Denn die Besucher blieben aus. Auch bei den Amerikanern ließ man sich offensichtlich von der anvisierten Zahl von 30 Millionen Einwohnern blenden, die in einem Einzugsgebiet von zweieinhalb Autostunden leben. Zehn bis 15 Prozent der Menschen besuchen einen Ferienpark - zumindest statistisch.

In Kalkar ist der niederländische Betreiber Henny van der Most vor allem auf gutes Wetter angewiesen, nicht gerade eine Spezialität des Niederrheins. Selbst die, die auf Sonne und trockenes Wetter nicht angewiesen sind, haben die wirtschaftlichen Schattenseiten des Ruhrgebiets und Niederrheins bereits kennen lernen müssen. Das Musical-Theater ¸¸Les Misérables'' in Duisburg machte frühzeitig dicht. Im benachbarten Oberhausen kämpft Peter Maffays Drachen-Musical ¸¸Tabaluga und Lilli'' ums Überleben. Da bestätigt sich wieder die Aussage von Ulrich Hatzfeld, Projektleiter Stadtentwicklung im nordrhein-westfälischen Landesbauministerium: ¸¸Freizeit-Investitionen sind hoch riskant.'' Das Geschäft mit dem Freizeitspaß ist eben knallhart.

Vielleicht wollen die Menschen im Pott doch lieber malochen, als sich dem Freizeitvergnügen hingeben. Ohnehin: Die Arbeitsplätze an den neuen Orten der Spaßgesellschaft können die weggefallenen Industrie-Arbeitsplätze nicht wettmachen.

Sindelfinger Zeitung

Jens Uwe Kupka
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RE: Freizeitpark Ruhrpott

Antwort auf JUK, Beitrag #1

LETZTE BEARBEITUNG AM 13-Mai-2001 UM 10:55 Uhr ()

Hallo,

ich möchte diesen hier ins Forum gestellten Artikel nicht unkommentiert lassen. Als erstes wird erwähnt, dass das Ruhrgebiet eine Hohe Arbeitslosenquote hat. Dies ist sicher richtig, aber bei fast 20 Millionen Einwohnern in NRW plus unserer Nachbarländer befindet sich hier immer noch mehr Kundenpotential als sonst irgendwo in Europa. Im übrigen liegt die Arbeitslosenquote im Ruhrgebiet nicht durchweg bei 14 Prozent, hier hat der Autor Schlusslichter, wie Gelsenkirchen, als Standard gesetzt. Dies ist nicht korrekt. Weiterhin wird gesagt, dass Duisburg hoch verschuldet ist. Auch dies ist richtig, aber jede Großstadt ist verschuldet, ebenso Köln, Frankfurt, Hamburg etc., bei einer Großstadt nichts ungewöhnliches, sondern der Regelfall. Im weiteren Verlauf des Artikels werden die meisten Neuinvestitionen kritisch betrachtet oder heruntergeredet. Es liegt leider in der Natur des Menschen, dass er stets Negatives behält und weitergibt und Positives verschweigt. Korrekt ist, das Tabaluga anfangs erhebliche Startschwierigkeiten hatte, nach einer Umstrukturierung aber einen stetigen Besucheranstieg zu verzeichnen hat. Dies ist auch wieder kein Problem des Ruhrgebiets, sondern allgemein auf die Musical-Szene auch in anderen Gegenden zu übertragen. Ebenfalls Anfangsschwierigkeiten hatte Warner Brothers Movie World, die mittlerweile auch behoben sind. Gleichfalls kein spezifisches Problem des Ruhrgebiets, wenn man nur an die anfänglichen Probleme von Eurodisney denkt. Der Gasometer in Oberhausen hat im Durchschnitt pro Jahr über 200.000 Besucher. Allein das Einkaufscentrum Centro hat pro Jahr fast 25 Millionen Besucher. Dies sind nur einige Beispiele erfolgreicher Freizeitinvestitionen. Der Schreiberling des Artikels stellt für sich fest, dass die verlorengegangenen Arbeitsplätze der Montanindustrie nicht durch Freizeitarbeitsplätze zu ersetzen sind. Diese Aussage erinnert mich ein wenig an Politiker. Es ist einfach, alles zu kritisieren, aber keine besseren Vorschläge machen zu können/brauchen. Zumindest habe ich in diesem Artikel keinen Alternativvorschlag zur Entstehung von Arbeitsplätzen entdecken können. Ich bin übrigens überzeugt davon, dass die Mehrheit der Einwohner des Ruhrgebiets arbeiten und nicht malochen. Hier wird das Niveau des Autors und seine eingestaubte denkweise sichtbar.

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