Stuttgarter Frühlingsfest leidet auch unter dem Wetter

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Stuttgarter Frühlingsfest leidet auch unter dem Wetter

Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 18.04.2001

Das Karussell dreht sich auch mit einem Fahrgast
Kälte macht Schaustellern zu schaffen - Gutscheine als Anreiz

Was passiert mit dem Frühlingsfest, wenn der Frühling einfach nicht kommen mag? Besucher machen sich rar, Schausteller hoffen auf bessere Zeiten, und die Verantwortlichen üben sich in Schadensbegrenzung. Ein Gang über den Rummelplatz bei Regen.

Von Nicole Höfle

An Tagen wie diesen reicht ein Kind. Ein Kind, und Hans-Peter Kehrer setzt das mit vielen Schleifchen und Kränzchen verzierte Karussell der Familie Schiedt in Gang. Auf Knopfdruck. Besser eine Fahrt mit einem Gast als gar keine Fahrt. In den vergangenen zweieinhalb Stunden hat der Angestellte Kehrer das Kinderkarussell gerade sechs Mal laufen lassen. 50 bis 60 Fahrten hätten es gut sein können. Aber gute Tage gab es bei diesem Frühlingsfest zumindest aus Sicht von Hans-Peter Kehrer noch nicht.

Ein paar hundert Meter weiter, ganz in der Nähe des Infopavillons und der Cannstatter Kanne wartet Sieglinde Knodel auf Kundschaft. Die 58 Jahre alte Frau verkauft Softeis, das bei Regen und Graupel nur leider keiner haben will. Zehn Liter speist sie morgens in jede ihrer drei Maschinen ein, die Softeis mit Schoko-, Vanille- und Erdbeergeschmack ausspucken. Der größte Teil davon wandert seit vier Tagen nicht in irgendwelche Besuchermägen, sondern in den Abfluss. In kleineren Mengen kann Sieglinde Knodel ihr Softeis nicht herstellen, und so schüttet sie jeden Morgen ihr getautes nicht verkauftes Eis weg: "Ich ärgere mich nicht mehr darüber, dafür bin ich zu lange in diesem Geschäft'', versichert die 58-Jährige, die zum Eisverkaufen einen dicken Pullover übergezogen hat. Das strombetriebene Heizgerät ist in Reichweite.

Auch ihre fünf Kinder verkaufen Softeis und andere Leckereien. Zwei der Sprösslinge waren auf dem Ostermarkt in Langenburg bei Crailsheim aktiv. "Die haben über Ostern mit ihren Süßigkeiten in dem kleinen Städtchen mehr Umsatz gemacht als wir mit Eis.'' "Das ist Schaustellerpech'', sagt Sieglinde Knodel und reibt sich die klammen Hände.

Dann ist da auch noch Rolf Köhrer mit seinem Fotoschießstand. Er verbringt die meiste Zeit damit, den wenigen vorbeieilenden Passanten hinterherzuschauen. Schüsse zu zählen lohnt sich nicht, nicht bei ein paar lächerlichen Grad über null.

Andere haben unabhängig vom Wetterbericht vorgesorgt, denn 23 Tage Frühlingsfest sind eine lange Zeit mit vielen Werktagen, die überbrückt werden wollen. Viele Festwirte haben schon Wochen vor Beginn des Frühlingsfestes Gutscheine für Gockelhälften und Biere verschenkt und mit Vergünstigungen geworben. Karl Maier vom Festzelt Göckelesmaier beispielsweise hat 200 Vereine angeschrieben und ihnen Sonderkonditionen für die besucherschwachen Wochentage geboten.

Auch sein Kollege Hans-Peter Grandl hat sich zeitig unter den freiwilligen Feuerwehren und anderen Vereinen der Region umgetan. Und der älteste Stuttgarter Festwirt Walter Weitmann rühmt sich damit, in den vergangenen 30 Jahren 1,5 Millionen Gutscheine für Bier und Göckel unters Wasenvolk gebracht zu haben. Vom Verteilen alleine allerdings lässt es sich schlecht leben: "Das geht natürlich nur bis zu einem gewissen Grad, der Umsatz unterm Strich muss trotzdem stimmen'', schränkt Maier ein - und hofft mit den anderen Schaustellern auf besseres Wetter.

Wolfgang Thiele, Geschäftsführer des städtischen Eigenbetriebs Versorgungsmärkte und Marktveranstaltungen, der das Frühlingsfest organisiert, beschwichtigt: "Wir haben Frühling, da gehört schlechtes Wetter eben dazu.'' Wer am ersten Osterwochenende mehr Umsatz erwartet habe, habe seine Erwartungen eben zu hoch gesteckt. Außerdem sei noch nicht aller Frühlingsfesttage Abend. Die Meteorologen freilich sagen schlechte Zeiten für Schausteller vorher: Regen und Schnee bis zum Wochenende.

Aber auch ein verregnetes Frühlingsfest hat seine Fans, zum Beispiel Heike Link aus Esslingen und ihre beiden Töchter Patricia und Carmen. Die neunjährige Patricia ist nicht etwa von der Sorge geplagt, nass zu werden, sondern davon, bloß nicht in ein Babykarussell steigen zu müssen.


Jens Uwe Kupka
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