Das Karussell, das schon immer auf dem Dom stand

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Das Karussell, das schon immer auf dem Dom stand

Artikel aus dem Hamburger Abendblatt

Das älteste Fahrgeschäft stammt aus dem Jahr 1893. Es gehört der Familie Vespermann - und hat Generationen von Hamburgern Freude bereitet.

Von CLAUDIA SEWIG

"Oma, da, reiten!" Das kleine Mädchen ist mitten auf dem Weg stehen geblieben. Losgelöst von der Hand der Großmutter zeigt es im Schneegestöber mit beiden handschuhverpackten Händen auf das alte Karussell. Die gleißend helle Hightech-Achterbahn, die neonfarbenen Plüschfiguren an der Losbude - sie haben keine Chance gegen dieses Stück Dom-Nostalgie. Und als sich das Karussell mit leisen Klängen der Orgel in Bewegung setzt, strahlen die Augen seines einzigen Fahrgastes um die Wette mit den hundert bunten Lichtern.Der Hamburger Dom, der gleich am ersten Sonntag auf Grund des Wetters mit 13 000 statt sonst üblichen 100 000 Besuchern einen traurigen Minusrekord einfuhr, beherbergt einen antiquarischen Schatz. 108 Jahre dreht es sich schon, das Pracht-Karussell der Schaustellerfamilie Vespermann. In Neustadt an der Orla (Thüringen) von der Karussellbaufirma Heyn geschnitzt, brachte es Louis Vespermann 1893 in sein Heimatdorf Jübek bei Husum. "Mein Großvater hatte bis dahin als Ausrufer bei der väterlichen +Unübertrefflichen Panorama Schau` gearbeitet, war 19 Jahre alt. Da lernte er Hanne, "La bella Juanita", die Seiltänzerin eines Wanderzirkus, kennen, gerade 18 Jahre alt. Ihre Eltern waren gegen die Verbindung, also brannten die jungen Leute nach Helgoland durch, heirateten - und kauften nach ihrer Rückkehr ihr eigenes Karussell. So fing alles an", erzählt Holger Vespermann (57), Mitglied einer der ältesten Schaustellerfamilien auf dem Hamburger Dom. In vierter Generation wird das Karussell mit seinen 20 bunt lackierten Holztieren jetzt schon von den Vespermanns betrieben, seit sechs Jahren von Tochter Patricia (25), die mit Schwester Nicole (20) und Bruder Jens (18) als Urenkel von Louis und Hanne die jüngsten Vertreter der eingefleischten Schausteller sind.
Als die Ponys, die in den ersten Jahren das Karussell ziehen sollten, nicht pünktlich geliefert wurde, schob Louis die große Scheibe schon mal selber an, während Hanne ihn vom Rücken eines der Holzpferde anfeuerte. "Der Strom, der kam ja erst viel später", erinnert sich Holger Vespermann. "Nach dem Zweiten Weltkrieg musste ich meinem Vater als kleiner Junge immer beim Reparieren unseres "Lanz Bulldog" helfen, mit dessen Maschine wir den Strom generierten. Der zog sonst den Wagen mit dem verpackten Karussell von Ort zu Ort." Hätte es den Traktor schon zu Zeiten von Gründer Louis gegeben, wäre es vielleicht auch nicht zu dem tragischen Unglück gekommen. Bei einer besonders steilen Straße verließen die Zugpferde die Kräfte, und als Louis versuchte, Keile unter den Wagen zu schieben, um ihn am Zurückrollen zu hindern, wurde er vom Wagen überrollt und getötet.
Hanne führte fortan das Geschäft weiter, unterstützt von ihren zwölf Kindern. Den Zweiten Weltkrieg überstand das Karussell eingemottet und unbeschadet in Jübek. Nach dem Krieg bekamen die Holzpferde Gesellschaft von ein paar Exoten: Känguru, Strauß, Giraffe, Hahn, Kamel, Eisbär, Löwe und Schwan wurden schnell zu den Lieblingen der Fahrgäste, die für zehn Pfennig auf ihnen ihre Kreise zogen. Mit 2,50 Mark liegt das Karussell noch heute am unteren Ende der Fahrgeschäft-Preisskala. Holger Vespermann: "Wir verdienen damit nichts, aber wir hängen nun mal daran. Deshalb wird das Karussell auch weiterhin auf dem Dom zu sehen sein." Kleine Ausbesserungen an der Farbe der Tiere oder den Heldensagen-Motiven am Dach erledigt die Familie selbst.
Große Schäden durch Unfälle, Feuer oder Sturm hat das Pracht-Karussell zum Glück nie erlitten. Und so lief es auch zum diesjährigen Dom-Start fast unverändert wie vor 108 Jahren an.
Feierstimmung kam bei vielen Schaustellern trotzdem nicht auf. Am Tag der Eröffnung starb Familien-Chefin Magda Vespermann, Mutter von Holger und seinen drei Brüdern, im Alter von 92 Jahren.



Jens Uwe Kupka
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