Kölner Stadt Anzeiger...
Das ist wohl die volle Version...
Phantasialand in Brühl wieder geöffnet
"Das war meine Bahn, mein Zuhause"
Von Alexandra Ringendahl
Brühl - Einmal quer durch die Republik ist er diese Nacht gerast. "Sechseinhalb Stunden Autobahn haben wir auf dem Buckel", sagt Stefan Bujak mit Stolz in der Stimme.
Aber um Punkt 8.50 Uhr hat sich der Rentner aus Bad Schussenried am Bodensee seinen Platz in der ersten Startreihe gesichert.
Und tatsächlich: Eine Minute nachdem sich die Rollos des Kassenhäuschens langsam gehoben haben, hält er für sich und seine Begleiterin zwei Tickets in der Hand.
Doch kurz vor dem Drehkreuz am Eingang zum Phantasialand wird er abgefangen - umringt von Fernsehkameras und Fotografen. Schließlich ist er der Erste.
Der erste Gast, der nach dem Großbrand am 1. Mai wieder den Park betritt. Mulmige Gefühle? "Quatsch, so etwas passiert nur alle 100 Jahre einmal", antwortet er prompt.
Die große Masse ist es wahrlich nicht, die am Donnerstagvormittag in den Park strömt, der bis gestern geschlossen war. Kein Vergleich zu den Horden von Schulklassen, die sich sonst vor den Kassenhäuschen knubbeln.
Viele Schulklassen hätten erst einmal ihren Besuch verschoben, erzählt Park-Sprecherin Birgit Harpke. "Andere Klassen kommen mit reduzierter Besetzung, da viele Eltern Bedenken hatten."
Eine eigenartige Stimmung liegt über dem Park: Die Mitarbeiter haben wieder Position bezogen in Würstchenbuden und Fahrgeschäften. Nervös tänzeln sie auf und ab.
In der Arena de Fiesta, in der sich am 1. Mai die Notärzte um die 63 Verletzten kümmerten, wartet der Kellner auf Gäste. Die Dixiland-Band am Brandenburger Tor spielt auf.
Große Anspannung
Endlich Normalität, zumindest im Ansatz. "Es ist einfach ein Anfang", sagt Sprecherin Harpke. Denn die Anspannung sei riesig gewesen. Daher habe man eigens einen Werktag für die Wiedereröffnung gewählt, "damit sich die Mitarbeiter nach dem Schock wieder an den Alltag gewöhnen können".
In der Mitte des Parks, da wo die Gran Canyon Bahn stand, liegt eine große Brachlandschaft. Verdeckt durch einen braun gestrichenen Bretterzaun.
Mediterrane Pflanzen und Bänke entlang des Zaunes laden zum Ausruhen ein - der Versuch, dem Ort seinen bedrückenden Charakter zu nehmen. Nur: Setzen möchte sich hier keiner.
Der ein oder andere lugt neugierig durch einen schmalen Spalt im Zaun oder zeigt auf den Schienenstrang der Phantasialandbahn. Die kreuzte bis zum 1. Mai die Achterbahn und hört nun abrupt in drei Meter Höhe genau über dem Niemandsland auf.
"Es tut mir weh, dahin zu schauen", sagt Ahmad Hamed, der vor dem Zaun steht. "Das war eben meine Bahn, mein Zuhause", fügt der Pakistani hinzu. Und wie er das so sagt, steigen ihm Tränen in die Augen.
Fast 14 Jahre hat er die Bahn gesteuert und Dutzende Menschen hat er nach dem Unglück ohne Rücksicht auf das eigene Leben aus der brennenden Bahn geholt hat.
Immer noch steht er spürbar unter Schock. "Aber ich bin jeden Tag neu froh, dass niemand gestorben ist." Aus der Brusttasche seines Blaumanns holt er eine ausgedruckte E-mail. Die ist von Michael, der sich bei ihm bedankt.
Dafür, dass er die Bahn genau im richtigen Moment angehalten und ihn gerettet hat. "Ich kenne den Jungen nicht. Aber den Brief trage ich immer bei mir", lächelt Hamed.
Durch den Park, der sich allmählich mit Leben füllt, dringt das Kreischen der Gäste auf der verbliebenen Achterbahn, der Colorado Adventurebahn in Westerntown. Mulmige Gefühle oder gar Angst äußern die wenigsten.
"Nur die Besten sterben jung", scherzt Mario Kunz aus Koblenz im ersten Waggon kurz vor dem Start. Gerade nach so einem Unfall sei das Risiko besonders gering, ergänzt ein Kumpel.
Zudem genießen sie, "dass man heute endlich mal so ganz ohne Schlangestehen alle Attraktionen mitnehmen kann", sagen die beiden Stammgäste, die zum 12. Mal hier sind.
Trotzdem: Der zuständige Mitarbeiter prüft vor der Abfahrt alle Sicherheitsbügel einzeln. Frank Himmelmann, Feuerwehrmann aus Mönchengladbach, der mit Frau und Söhnchen Joshua durchs Brandenburger Tor spaziert, macht sich da nichts vor: "Die absolute Sicherheit gibt es eben nicht", sagt der Experte nüchtern.
Nach 60 Minuten brenne selbst als "nicht brennbar" eingestuftes Material. "Alles nur eine Frage der Temperatur." Beim Brandschutz werde halt viel geschlampt und auch die Feuerwehr sei vor Korruption nicht gefeit.
Immer mit rotem Helm
Deshalb hat Klein-Stefan aus Augsburg vorgebeugt. Der Fünfjährige marschiert mit rotem Feuerwehrhelm durch den Park. "Ohne den geht der nirgendwo hin", sagt seine Mutter Elke Bacher. "Das hat der vom Vater abgeschaut."
Der ist einer von drei Achterbahn-Bauern in Deutschland und arbeitet gerade an der noch geheimen neuen Attraktion des Phantasialandes.
Die abgebrannte Bahn hatte Stefans Opa vor 25 Jahren gebaut. "Von einem Brand habe sie bisher noch nie was gehört", sagt Bacher. Sie habe da immer noch volles Vertrauen, und der Kleine auch.
Da ist Rolf Schneider aus Emmelshausen skeptischer: "Ich fahre hier jedenfalls keine Achterbahn mehr", sagt er.
Das dachte auch Achterbahn-Fahrer Hamed. "Aber ich habe schon die Probe gemacht", verrät er. An einem Abend hat er sich in die Halle mit der geheimen neuen Attraktion namens Wooze Town geschlichen.
"Ich bin die Schienen entlang balanciert", erzählt der Mann, der die 1000 Schienenmeter seiner alten Bahn täglich abgelaufen ist - auch unzählige Male während des Brandes. "Ich kann es noch", sagt er. "Gott sei Dank."
Und vielleicht winkt ihm ja für seinen Einsatz auch eine Belohnung. "Ich bin im Gespräch als Fahrer der neuen Bahn in Wooze-Town", verrät er. Und lacht das erste Mal.
Phantasialand
Mängel, Pannen, Widersprüche
Brühl - "Das Sicherheitskonzept des Phantasialandes und der Feuerwehr hat sich voll bewährt", resümierte Bürgermeister Michael Kreuzberg am Tag nach dem Brand.
"Wir haben uns in Sachen Sicherheit nichts vorzuwerfen", ergänzte Phantasialand-Chef Robert Löffelhardt. Ob das so stimmt, darf zwei Wochen danach trotz laufender Untersuchungen zumindest bezweifelt werden.
Am 1. Mai, um 13.41 Uhr löst die Brandmeldeanlage im Park Alarm aus. Die Brühler Feuerwehr alarmiert daraufhin alle umliegenden Feuerwehren.
Kurz danach stellt sich heraus, dass über das Hydrantennetz nicht genug Wasser kommt. Wertvolle Zeit wird verloren, eine 500 Meter lange Leitung in den Berggeistsee wird verlegt. Erst um 15.21 Uhr ist das Feuer unter Kontrolle.
"Der Parkbetreiber muss ein Löschkonzept vorlegen, das eine ausreichende Wasserversorgung garantiert", erläutert Manfred Czimek, Sicherheitsingenieur und Dozent für Anlagensicherung zwei Wochen später.
Dieses müsse bei der Brandschau überprüft werden. Kreisbrandmeister Peter Siebert räumt Mängel ein. "Das Löschwasserkonzept ist unzureichend und muss verbessert werden", sagt er.
1. Mai, 17 Uhr, Park-Gründer Gottlieb Löffelhardt gibt zu, gewusst zu haben, dass die 25 Jahre alte Bahn brandtechnisch ein Schwachpunkt war. Er beruft sich auf Bestandsschutz und die nicht mögliche Nachrüstung aus statischen Gründen.
"Der Betreiber ist für die Sicherheit zuständig. Er hat eine Schwachstelle erkannt und die Gefährdung der Mitarbeiter in Kauf genommen", analysiert Czimek das Versäumnis.
Fest steht, dass die Bahn nicht mit den nach Ansicht des Experten sehr wirksamen Sprenkleranlagen ausgerüstet war. Warum die Anlage bei der letzten Brandschau nicht beanstandet worden ist, können Feuerwehr und Erftkreis nicht beantworten.
Am 2. Mai kündigen drei Studentinnen an, den Park auf fahrlässige Körperverletzung zu verklagen. Ihr Anwalt Friedhelm Steinbusch wirft dem Park unkoordinierte Hilfsmaßnahmen und fehlende Fluchtwege vor. Seine Klage traf gestern bei der Staatsanwaltschaft Köln ein.
Es liegen widersprüchliche Angaben darüber vor, ob das notwendige Brandschutzkonzept existierte. Während der Park erklärte, ein solches liege für jede Anlage vor, sagte der Ordnungsdezernent des Erftkreises, Hans Hermann Tirre, ihm sei ein Konzept nicht bekannt.
Am 9. Mai zieht der Kreis Konsequenzen: Er hebt den Bestandschutz für alte Anlagen auf und verlangt ein neues Brandschutzkonzept.
Am 15. Mai gibt das Umweltamt endgültig Entwarnung: Die bei der Verbrennung von Plastikschaum freiwerdende Blausäure sowie krebsauslösende Kohlenwasserstoffe wurden nicht festgestellt. Dank der Windstille und des "thermische Auftriebs".
"Viele Pannen und noch viel mehr Glück", sagt Czimek. (ari)
Jens Uwe Kupka
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